In den Gehweg eingelassene Stolpersteine in Erinnerung an von den Nationalsozialisten ermordete Menschen.

Erinnerungskultur stärken

Gedenkstätten und Erinnerungsorte in Nordrhein-Westfalen helfen, die Erinnerungskultur zu stärken und die Verbrechen der Nazizeit nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Klaus Kaiser, Parlamentarischer Staatssekretär, besucht die 28 Stätten in Nordrhein-Westfalen und hört sich die Geschichten dieser Orte an.

Informieren und sensibilisieren Nordrhein-Westfalen erinnert sich

Die Schrecken des Zweiten Weltkriegs und der Holocaust rücken zeitlich in immer weitere Ferne. Das ihnen zugrunde liegende Gedankengut aus Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Hass tritt aber auch heute noch immer wieder offen zutage. Umso wichtiger ist es, die Erinnerung an die Verbrechen der Nationalsozialisten wachzuhalten und sich aktiv mit der Thematik auseinanderzusetzen. Einen wichtigen Beitrag leisten in Nordrhein-Westfalen die Gedenkstätten und Erinnerungsorte, die Besucherinnen und Besucher informieren und sensibilisieren. Klaus Kaiser, Parlamentarischer Staatssekretär im Ministerium für Kultur und Wissenschaft, besucht die 28 NS-Gedenkstätten in Nordrhein-Westfalen, hört sich die Geschichten der Orte an und spricht mit Organisatoren und Engagierten. In Zusammenarbeit mit der Landeszentrale für politische Bildung Nordrhein-Westfalen präsentiert sich jede der Gedenkstätten anhand eines Exponats aus ihren Dauerausstellungen.

Orte der Erinnerung Gedenkstätten und Erinnerungsorte in Nordrhein-Westfalen

Zu jeder Gedenkstätte, die der Parlamentarische Staatssekretär Klaus Kaiser besucht, finden Sie hier ab dem Tag des Besuchs Hintergründe und Geschichten zu den Orten und besonderen Exponaten.

Alte Synagoge Essen, Gedenkstättenbesuch Klaus Kaiser: 7. Juni 2019

Die Mosaiksteinchen von Doris Moses

Im Ausstellungsteil „Geschichte des Hauses“ finden sich Mosaiksteine vom Torahschrein und Glasscherben, die von der damals elfjährigen Doris Moses in der ausgebrannten Synagoge aufgesammelt worden sind.

Doris Moses wurde 1927 in Viersen geboren. Ihre Eltern waren Arthur Moses und Meta Moses, geb. Katz, ihr zwei Jahre jüngerer Bruder hieß Günther. 1930 zog die Familie nach Essen, wo ihr Vater als Geschäftsführer in einem EPA-Warenhaus in der Innenstadt arbeitete. Nachdem er 1933 entlassen wurde, machte er sich als Vertreter einer Firma für industrielle Putzwaren selbstständig. Diese Stellung verlor er 1937 und war von da an arbeitslos. Obwohl Doris noch klein war, bemerkte sie, dass ihre Eltern große Sorgen hatten. Die Familie plante, in die USA auszuwandern. Sie hatten zwar eine niedrige Registrierungsnummer und sogar ein Affidavit, aber die Bürgschaft war nicht hoch genug.

Foto der Mosaiksteine und Glasscherben aus der Alten Synagoge Essen
Bild: Alte Synagoge Essen

Nach der Pogromnacht, am Morgen des 10. November 1938, bemerkte Doris auf dem Weg zur Schule, dass die Synagoge ausgebrannt und die Fenster im Sockelgeschoss zerstört waren. Wie andere Kinder kletterte auch sie durch ein zerbrochenes Fenster in den verwüsteten Hauptraum der Synagoge, in dem Schutt, Scherben und verbrannte Fetzen von Torah-Rollen und Gebetbüchern lagen. Dort sammelte sie eine Handvoll Mosaiksteinchen und Glassplitter und nahm sie mit. Ihr Vater hatte inzwischen eine Warnung erhalten, dass man ihn suchte, und versteckte sich zwei Wochen lang bei befreundeten Bauern in Geldern. Danach flüchtete die Familie illegal über die Grenze in die Niederlande, wo sie sofort interniert wurde. Schon bald kam sie in das 1939 gegründete Flüchtlingslager Westerbork, das unter den Nationalsozialisten zum „Polizeilichen Juden-Durchgangslager Westerbork“ und damit zum Ausgangspunkt für die Deportationen nach Auschwitz, Sobibór, Theresienstadt und Bergen-Belsen wurde.

Deportation ins Konzentrationslager

Doris war in Westerbork zunächst zur Lager-Schule gegangen, doch 1942, mit der Umwandlung in ein Durchgangslager und dem Beginn der Deportationen musste sie, wie die Erwachsenen, schwer arbeiten. 1944 wurde die Familie nach Theresienstadt deportiert. Arthur Moses wurde nach wenigen Wochen von dort aus nach Auschwitz weiter transportiert, wo er im Februar 1945, als er auf dem Marsch vom Lager zum Arbeitseinsatz vor Schwäche nicht mehr weitergehen konnte, erschossen wurde.

Nach der Befreiung gingen Meta Moses und ihre Kinder zurück nach Holland. Da sie Verwandte in Australien hatten, emigrierten sie dorthin.

Die Mosaiksteinchen gingen während dieser ganzen Zeit nicht verloren. Sie waren Doris und ihrer Mutter immer besonders wichtig, weil sie sie an glückliche Zeiten erinnerten. Doris selbst schrieb, dass die Synagoge ihr zweites Zuhause gewesen war.

Poesie aus schweren Zeiten

Im Jahr 1988 wurde Doris Moses von der Stadt Essen eingeladen. Dies geschah im Rahmen des Besuchsprogramms für jüdische ehemalige Essener, das seit 1981 durchgeführt wurde. Zu diesem Anlass brachte sie die Mosaiksteine mit und überließ sie der Alten Synagoge. Auch ihre zwei Poesiealben hatte sie mitgebracht, die heute, ebenso wie ein Foto der Familie Moses, im Ausstellungsteil „Jüdisches Leben in Essen“ zu sehen sind. In einem schrieb ihr die Freundin Marion Bierhoff am 9. November 1938, dem Tag, an dessen Ende die Synagoge, das jüdische Jugendheim und andere Geschäfte und Häuser angezündet wurden, folgenden Spruch ins Album: „Rede wenig, aber wahr, vieles Reden bringt Gefahr.“

Ganze Geschichte der Gedenkstätte lesen

Internetseite der Alten Synagoge Essen


Impressionen vom Gedenkstättenbesuch

Klaus Kaiser zu Gast in der Alten Synagoge Essen
Klaus Kaiser zu Gast in der Alten Synagoge Essen
Klaus Kaiser zu Gast in der Alten Synagoge Essen

 

 

Gedenkhalle Oberhausen, Gedenkstättenbesuch Klaus Kaiser: 7. Juni 2019

Die kleine Kiste

Die sorgfältig gearbeitete und mit feinen Intarsien ausgelegte Holzkiste gelangte 2009 als Schenkung in die Sammlung der Gedenkstätte in Oberhausen. Manfred Kugelmann, ein Oberhausener, der sich mit der VVN schon in den 1980er-Jahren um die Aufarbeitung der Zwangsarbeit in Oberhausen sehr verdient gemacht hat, erhielt sie damals aus der Ukraine. Es ist unbekannt, wer sie, vermutlich in stundenlanger Handarbeit, angefertigt hat. Aber wir wissen, welche Bedeutung diese kleine Truhe hatte, denn sie war ursprünglich der Preis für ein Tauschgeschäft.

Auf solche Geschäfte waren Menschen angewiesen, die von den Nationalsozialisten zur Zwangsarbeit ins Deutsche Reich verbracht worden waren. Ihre Arbeit wur-de kaum mit Geld entlohnt – im Gegenteil: Sie wurden nur mangelhaft mit Nahrung, Medikamenten und Kleidung versorgt, und ihre Lebensverhältnisse in den Zwangsarbeiterunterkünften waren erbärmlich. „Alle diese Menschen müssen so ernährt, untergebracht und behandelt werden, dass sie bei denkbar sparsamstem Einsatz die größtmögliche Leistung hervorbringen.“ So hieß es im Programm des Generalbevollmächtigten für den Arbeitseinsatz, Fritz Sauckel, im Jahr 1942.

Lebensmittelmangel ist Alltag

Die Folgen der chronischen Unterernährung waren erhebliche Mangelerscheinungen und vor allem ein drastisches Untergewicht der Häftlinge und Zwangsarbeiter – manche Männer wogen keine 50 kg mehr. Unter solchen Bedingungen litten grundsätzlich alle, aber die Sterblichkeitszahlen waren bei den Häftlingen der Konzentrationslager, bei den Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion und bei den italienischen Militärinternierten (seit dem Zusammenbruch der deutsch-italienischen „Achse“ im September 1943) besonders hoch.

Für die Häftlinge war es lebensnotwendig, heimliche Kontakte zur Zivilbevölkerung zu nutzen, um von Deutschen Lebensmittel zu bekommen. Selten genug steckten Leute den Hungernden Brot zu, ohne etwas dafür zu verlangen – ein Hinweis darauf, dass Teilen der deutschen Bevölkerung die extreme Unterversorgung der Zwangsarbeiter bewusst gewesen sein muss. Andere gaben aber nur bei einer Ge-genleistung, und der Tauschhandel mit selbstgefertigten Gebrauchsgegenständen begann zu florieren. Die Polizei schritt hier ein: Kontakte und Tausch seien verboten und „vom volkstumspolitischen Standpunkt höchst unerwünscht“. Verstöße gegen dieses Verbot wurden manchmal drastisch bestraft, und vor allem die als „Untermenschen“ diskriminierten Osteuropäer standen unter ständiger scharfer Beobachtung.

Selbstgebastelte Tauschware

In ihrer Not bastelten und bauten die Häftlinge aus dem, was sie fanden, oft auch nur aus Abfällen, Dinge, die zuweilen sehr hübsch, praktisch oder raffiniert waren und die sie zum Tausch gegen Brot und andere Nahrung anbieten konnten.

Das Intarsienkistchen ist ein berührendes Überbleibsel aus einem der größten Unrechtsgeschehen des Zweiten Weltkriegs. Die nationalsozialistische Gesellschaft allerdings hatte sich an den Alltag des Unrechts über das Kriegsende hinaus gewöhnt. Dass bis 1945 allein im Deutschen Reich insgesamt etwa 13,5 Millionen Menschen Zwangsarbeit leisten mussten, hat im Bewusstsein der meisten Deutschen erst spät zu Einsicht und Verantwortung geführt.

Internetseite der Gedenkhalle Oberhausen


Impressionen vom Gedenkstättenbesuch

Klaus Kaiser zu Gast in der Gedenkhalle Oberhausen
Klaus Kaiser zu Gast in der Gedenkhalle Oberhausen

 

Jüdisches Museum Westfalen, Dorsten, Gedenkstättenbesuch Klaus Kaiser: 17. Mai 2019

Die Schabbatlampe der Familie Steeg

Eins der schönsten Objekte im Jüdischen Museum Westfalen ist eine schwere Öllampe aus Messing, die von der Decke hängt. Sie sieht aus wie ein achtzackiger Stern, und in den Vertiefungen der Spitzen lagen früher die in Öl getränkten Dochte, die vor Schabbatbeginn am Freitagabend angezündet wurden und dann für mehrere Stunden ein warmes Licht spendeten.

Der Schabbat ist, nach Jom Kippur, der wichtigste jüdische Feiertag. In Erinnerung an die Schöpfungsgeschichte wird er allwöchentlich als heiliger Ruhetag begangen. Am Schabbat soll keine Arbeit verrichtet werden. Als Arbeit galt in früheren Zeiten ganz zu Recht das Feuermachen. Während es heute ein Leichtes und sicherlich keine Arbeit mehr ist, mit dem Lichtschalter das Zimmer zu erhellen oder mit dem Thermostat die Heizung aufzudrehen, war das in alten Zeiten anders. Deshalb waren Schabbatlampen mit mehreren Lichtern eine nützliche Einrichtung.

Die Schabbatlampe im Jüdischen Musem Westfalen in Dorsten
Bild: Jüdisches Museum Westfalen

Sie wurden, meistens mit fünf Sternspitzen, seit dem Mittelalter gefertigt und waren in jüdischen Haushalten bis zum 18. Jahrhundert üblich. Später zogen es die jüdischen Familien vor, zwei besondere weiße Kerzen anzuzünden. Wer aber eine alte Schabbatlampe besaß, pflegte sie als Familienerbstück weiterhin, auch wenn sie nicht mehr in Gebrauch war.

Auch die Dorstener Schabbatlampe stammt aus einem solchen Familienbesitz, nämlich aus dem Haus der Familie Steeg aus Daseburg bei Warburg. Ein Vorfahr, Samuel Steg, hatte über dreißig Jahre, von 1774 bis 1805, in Warburg als Rabbiner gewirkt. In seinem Haus begründete der gelehrte Mann eine „Jeschiwa“, eine Schule zum Studium der Tora und des Talmud.

Mit seiner Frau Schewa hatte Samuel Steg zwei Söhne, Menasse und Mordechai. Wie sein Vater widmete sich Mordechai dem Studium der Heiligen Schriften und studierte die Mystik der Kabbala. Sein Bruder Menasse hingegen heiratete Friederike, genannt Reike. Mit dem Geld, das sie als Gemüsebäuerin, als Bäckerin und mit ihrem Häute- und Fellhandel verdiente, konnte sie die ganze Familie ernähren.

Flucht vor den Nationalsozialisten

Ein Nachfahre der Familie, Max Steeg, betrieb in den 1920er Jahren einen Kolonialwarenhandel in Daseburg. Aber 1937 entschloss er sich unter dem Druck der Nationalsozialisten, mit seiner Frau Bertha und dem Sohn Heinz nach Palästina zu flüchten. Geschäft und Wohnung hatten sie verkaufen und zurücklassen müssen, nur einige wenige Dinge nahmen sie mit auf die Reise – darunter auch die Schabbatlampe, die nun in der neuen Heimat einen Ehrenplatz bekam.

In Israel heiratete Heinz Steeg die aus Galicien stammende Alicia. 1960 kehrte das Paar nach Deutschland zurück und ließ sich in Frankfurt am Main nieder – auch die Schabbatlampe aus Daseburg wurde wieder ausgepackt.

Doch 15 Jahre später entschieden sich die Steegs zu einer Auswanderung nach Brasilien, und wieder kam die Schabbatlampe mit auf die Reise. Nach dem Tod von Heinz Steeg im Jahr 2005 kehrte seine Witwe nach Frankfurt zurück – mit der Schabbatlampe im Gepäck. Als auch Alicia Steeg gestorben war, bestattete man sie wunschgemäß auf dem jüdischen Friedhof in Daseburg. Ein Verwandter bewahrte die weitgereiste Lampe auf, bis er sie 2018 dem Jüdischen Museum Westfalen schenkte.

Zur Internetseite des Jüdischen Museums Westfalen

Die ganze Geschichte der Gedenkstätte


Impressionen vom Gedenkstättenbesuch

Klaus Kaiser besucht das Jüdische Museum Westfalen in Dorsten
Klaus Kaiser besucht das Jüdische Museum Westfalen in Dorsten
Klaus Kaiser besucht das Jüdische Museum Westfalen in Dorsten

 

Wewelsburg 1933 – 1945, Erinnerungs- und Gedenkstätte, Gedenkstättenbesuch Klaus Kaiser: 3. Mai 2019

Die Sommerjacke des Häftlings Max Schubert aus dem Außenkommando Wewelsburg

Diese gestreifte Häftlingsjacke aus blau-weiß gestreiftem Baumwolldrillich gehörte Max Schubert, der 1940 in das KZ Niederhagen/Wewelsburg deportiert wurde und bis zur Auflösung des Konzentrationslagers im Frühjahr 1943 meist in der Kleiderkammer arbeitete. Er blieb mit rund 40 Häftlingen in Wewelsburg. Dieses sogenannte Restkommando war als Außenkommando Wewelsburg dem KZ Buchenwald unterstellt. Die hohe Häftlingsnummer 13598 verweist auf diese Zugehörigkeit. Max Schubert trug als Angehöriger der Zeugen Jehovas (Ernste Bibelforscher) den lila Winkel.

Eine blau-weiß gestreifte Häftlingsjacke. Auf der Brusttasche ist eine Nummer eingenäht
Bild: Wewelsburg

Schubert wurde 1937 wegen illegaler Betätigung für die Internationale Bibelforscher Vereinigung verhaftet. Nach einem Jahr Haftzeit im Gefängnis in Bautzen wurde er 1938 ins KZ Buchenwald eingewiesen. Von dort kam er 1940 nach Wewelsburg. Nach seiner Befreiung am 2. April 1945 zog er wieder in seine Heimat und wurde Gruppendiener bei den Zeugen Jehovas. 1950 wurde er deswegen verhaftet und nach DDR-Recht zu zwölf Jahren Zuchthaus verurteilt. Nach seiner Freilassung 1957 siedelte er in die Bundesrepublik über. Er starb September 1979.

Kleidung als eine von vielen Demütigungen

Das Einkleiden nach ihrer Ankunft im Konzentrationslager war für die neuen Häftlinge schockierend und demütigend. In den „Zebra-gestreiften“ Uniformen sollten die Häftlinge wie Strafgefangene aussehen. Durch die schlecht sitzenden, häufig schadhaften Kleidungsstücke machte die SS sie optisch genau zu den „Untermenschen“, die sie bekämpfen wollte. Demgegenüber präsentierten sich die SS-Wachleute in ihren tadellosen, körperbetonten Uniformen als „Herrenmenschen“. Mit ihren Zivilkleidern gaben die Eingelieferten ihren persönlichen Namen ab und wurden zu einer Nummer in der Masse der Gefangenen.

1938 führte die Inspektion der Konzentrationslager die einheitliche, gestreifte Kleidung im nationalsozialistischen KZ-System ein. Während die Sommerkleidung aus Baumwolldrillich genäht war, bestand die Winterkleidung aus kratzender, schlecht trocknender Reißwolle (Gemisch aus wenig Wolle, Viskose und Baumwolle).

Die farbigen Stoffdreiecke, sogenannte Winkel, auf der Vorderseite der Häftlingsjacken kennzeichneten die Einteilung der Häftlinge in Kategorien. Politische Häftlinge erhielten ein rotes Dreieck, kriminelle Häftlinge ein grünes, als „asozial“ bezeichnete Häftlinge bekamen einen schwarzen Winkel, Bibelforscher einen lila Winkel. Mit dieser Einteilung in Kategorien entwickelte die SS ein System der sozialen und rassenideologischen Differenzierung der Lagerbelegschaft.

Die Jacke als Symbol für Leid

Die Häftlingsjacke hatte Wettin Müller, Mitglied des Restkommandos, zusammen mit weiteren Kleidungsstücken nach dem Krieg mit in seine Heimat genommen. Für ihn war die Kleidung vermutlich nicht nur ein persönliches Erinnerungsstück, sondern auch von symbolischer Bedeutung als Zeugnis seiner Leidenszeit.

Nach seinem Tod 1998 überreichte sein Sohn dem Kreismuseum Wewelsburg das einzigartige Konvolut. Denn nur selten können überlieferte Kleidungsstücke aus den Konzentrationslagern zweifelsfrei einzelnen Häftlingen zugeordnet werden. Nach behutsamer Restaurierung werden die Kleidungsstücke nun in der Dauerausstellung „Ideologie und Terror der SS“, der Erinnerungs- und Gedenkstätte Wewelsburg 1933–1945 gezeigt. Es wird dabei Wert darauf gelegt, die Kleidung nicht als unnahbare Reliquien der Opfer von SS-Gewalt auszustellen, da eine „sakralisierte“ Präsentation der Relikte den analytischen Blick verstellen würde. So blieben bei der Restaurierung Tragespuren und Risse extra erhalten. Die Kleidung wird mit Erinnerungsberichten von Überlebenden aus dem Lageralltag verknüpft, um so die materielle und hygienische Versorgung der Häftlinge zu erläutern.

Zur Internetseite der Erinnerungs- und Gedenkstätte Wewelsburg

Die ganze Geschichte der Gedenkstätte


Impressionen vom Gedenkstättenbesuch

Klaus Kaiser besucht die Gedenkstätte Wewelsburg
Klaus Kaiser besucht die Gedenkstätte Wewelsburg

 

Geschichtswerkstatt Französische Kapelle, Soest, Gedenkstättenbesuch Klaus Kaiser: 3. Mai 2019

DIE „FRANZÖSISCHE KAPELLE“ IM BLOCK 3 DES OFLAG VIA IN SOEST

1997 betrat Rose Gillet auf Einladung der Geschichtswerkstatt zum ersten Mal die Französische Kapelle in Soest. Sie war die Witwe von Guillume Gillet, der einst als französischer Offizier hier seine Kriegsgefangenschaft erlebt hatte. Verblüfft traf ihr Blick auf ein Gemälde des gekreuzigten Jesus, in dessen Gesichtszügen sie ihren Mann erkannte! Er war einer der Maler in der Französischen Kapelle gewesen, und mit diesem Selbstportrait hat er sich ein persönliches Denkmal gesetzt.

Ein altes, kirchliches Gemälde in der Französischen Kapelle Soest
Bild: Gedenkwerkstatt Französische Kapelle

Wie sah der Alltag der Offiziere im Oflag (Offizierslager) aus?

Trotz der Privilegien, die ihnen die Genfer Konvention garantierte, litten die Männer unter den physischen und psychischen Folgen der Kriegsgefangenschaft. Besonders quälend waren dabei die Untätigkeit und das Warten, und als Schande empfanden sie die Tatsache, dass sie in Gefangenschaft geraten waren, ohne in eine wirkliche Kampfhandlung verwickelt gewesen zu sein.

Um die endlos scheinenden Tage sinnvoll zu füllen, waren experimentierfreudige und unternehmungslustige Individualisten gefragt, die ihre Kameraden aufmunterten und inspirierten. Sie organisierten Theateraufführungen, Konzerte und Ausstellungen und luden zu Vorlesungen im universitären Bereich mit seinem anspruchsvollen Bildungsprogramm. Alles dies verdrängte zumindest zeitweise die quälende Langeweile und Ungewissheit der bedrückenden Situation.

Eine Kapelle entsteht

Schon wenige Tage nach ihrer Ankunft am 31. Juli 1940 stellte der Lagerälteste, der französische Priester Oberstleutnant Joseph Collin, bei der deutschen Lagerleitung einen Antrag auf Zuweisung eines Raumes, in dem die katholischen Offiziere das Allerheiligste aufbewahren und Gottesdienste feiern konnten. Denn als Offiziere hatten die Kriegsgefangenen aufgrund des Artikels 16 der Genfer Konvention von 1929 das Recht, ihren Glauben auch praktizieren zu dürfen. Anfang September 1940 bewilligte die Lagerleitung den Antrag Pater Collins und stellte im Block 1 einen weiß gekälkten, nach Westen hin schrägen Dachraum als Kapelle zur Verfügung, nur 7 ½ mal 6 Meter groß. Sie sollte nun dekorativ und würdig ausgestaltet werden.

Dabei half den Offizieren zunächst ein Deutscher, der Gefreite Bernhard Kröger. Er war in der Schreibstube der Kommandantur beschäftigt und versah nebenbei noch den Küsterdienst in der Soester Sankt Patrokli-Gemeinde. Ihm gelang es, Leimfarben zu beschaffen, mit denen die Kapelle nun ausgemalt werden konnte. Gemeinsam mit einem Ministranten, dem späteren Soester Bildhauer und Steinmetzmeister Alfons Düchting, brachte Kröger die Farbeimer ins Lager. Aus Sankt Patrokli sorgte er für die nötigen Kultgegenstände für die Messfeiern. Ob die deutsche Lagerleitung davon wusste, kann heute nicht mehr mit letzter Sicherheit festgestellt werden.

Ein sorgfältig geplantes Gesamtkunstwerk

René Vielliard, Feldprediger der Ehrenlegion, legte das ikonografische Programm fest. In Gemeinschaftsarbeit schufen die Künstler der Kapelle ein Interieur, dessen religiöse Motive bis heute ausdrucksvoll und in leuchtenden Farben die Betrachter in den Bann zieht.

Das heute noch existierende Skizzenbuch von Gino Michelin und die erhaltenen Entwürfe von René Coulon sind ein Zeugnis für die Sorgfalt, mit der die Künstler ihr Werk geplant und ausgeführt haben. Die Arbeit war bestimmt von der kreativen Auseinandersetzung und dem Bewusstsein, den Kameraden mit den Darstellungen ein Gefühl von religiöser und innerer geistiger Freiheit zu vermitteln.

Nach wenigen Monaten intensiver Arbeit konnte schon am 20. Dezember 1940 die Einweihung der Kapelle gefeiert werden.

Ganze Geschichte der Gedenkstätte lesen

Internetseite der Geschichtswerkstatt Französische Kapelle Soest


Impressionen vom Gedenkstättenbesuch

Klaus Kaiser besucht die Geschichtswerkstatt Französische Kapelle Soest
Klaus Kaiser besucht die Geschichtswerkstatt Französische Kapelle Soest

 

Erinnerungsort Alter Schlachthof Düsseldorf, Gedenkstättenbesuch Klaus Kaiser: 4. April 2019

Die Steintröge als Sinnbild für die nazistische Barbarei

„Dann standen wir die ganze Nacht im Schlachthof herum. Der Boden war nass, es war kalt, und die Feuchtigkeit kroch die Glieder hoch... In den Steintrögen des Schlachthofs lagen Babys und Kleinkinder und weinten die ganze Nacht... Gegen vier Uhr morgens wurden wir hinausgeführt. Es war sehr kalt, und wir drängten uns aneinander, um uns gegenseitig zu wärmen.“

So beschreibt die Holocaust-Überlebende Hilde Sherman-Zander aus Mönchengladbach die Nacht, die sie in der Großviehmarkthalle des Düsseldorfer Schlachthofs verbringen musste. Sie war damals 18 Jahre alt, ihr Mann Kurt Winter, den sie kurz zuvor geheiratet hatte, 29 Jahre. Am nächsten Morgen wurden sie mit über 1.000 anderen jüdischen Menschen aus der Region in das von der deutschen Wehrmacht besetzte Lettland deportiert, genauer: in das Ghetto Riga. Kurt überlebte den Holocaust nicht.

Ein Alter Steintrog im Erinnerungsort Alter Schlachthof an der Hochschule Düsseldorf
Bild: Erinnerungsort Alter Schlachthof

Symbolische Erinnerung zwischen Büchern und Computern

Heute befindet sich in derselben Halle die Bibliothek der Hochschule Düsseldorf. Die neben Bücherregalen und Computer-Arbeitsplätzen ausgestellten, original erhaltenen Steintröge haben eine hohe symbolische Bedeutung. Sie erinnern daran, dass dieser Ort einmal Teil des Schlachthofs war. Zugleich sind sie, abgesehen von der Halle selbst, das einzige Exponat, das konkret an die Verbrechen der Deportationen erinnert. Sie sind ein Mahnmal, das am historischen Ort an alle Menschen erinnert, die infolge des nazistischen Rassenwahns ermordet wurden.

Ort der Ungewissheit

Die frühere, denkmalgeschützte Großviehmarkthalle ist ein bedeutender historischer Ort für die gesamte Region. Sie war in den Jahren 1941-1944 die zentrale Deportationssammelstelle des gesamten Regierungsbezirkes Düsseldorf. Fast 6.000 jüdische Frauen, Männer und Kinder mussten sich auf Anordnung der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) hier einfinden. Es waren insgesamt sieben Deportationen, die meisten in den Jahren 1941/42. In der Halle, wo sonst das Vieh auf seine Schlachtung wartete, wurden die Menschen von Gestapobeamten registriert, nach Wertgegenständen und Lebensmitteln durchsucht und beraubt. Voller Ungewissheit vor dem Kommenden mussten sie die Nacht in der Halle verbringen.

Bewaffnete Polizisten brachten die Menschen am nächsten Morgen zur Verladerampe des nahe gelegenen Güterbahnhofs, von wo sie deportiert wurden: in die Ghettos von Łódź, Minsk, Riga, Izbica und Terezín. Die Fahrkarten der Reichsbahn mussten sie selbst bezahlen. Die meisten von ihnen wurden ermordet. Viele starben aufgrund der bewusst von der deutschen Besatzungsmacht herbeigeführten Lebensbedingungen an Unterernährung, Entkräftung und Krankheiten. Nur etwa 300 Menschen überlebten ihre Deportation.

Die Gedenkstätte

Bis 2002 war der Schlachthof in Betrieb, danach verwaiste das Gelände, bis dort 2016 der neue Campus der Hochschule gebaut wurde. Im Eingangsbereich der Halle, von außen gut sichtbar und für alle zugänglich, dokumentiert seitdem eine Dauerausstellung die an diesem historischen Ort verübten Verbrechen und erinnert an die Verfolgten und Ermordeten: der Erinnerungsort Alter Schlachthof.

Internetseite der Gedenkstätte

Ganze Geschichte auf der Seite der Landeszentrale für politische Bildung lesen


Impressionen vom Gedenkstättenbesuch

Klaus Kaiser zu Gast im Erinnerunsort Alter Schlachthof in Düsseldorf
Klaus Kaiser zu Gast im Erinnerunsort Alter Schlachthof in Düsseldorf
Klaus Kaiser zu Gast im Erinnerunsort Alter Schlachthof in Düsseldorf
Alte Synagoge Petershagen, Gedenkstättenbesuch Klaus Kaiser: 15. März 2019

Die Brotschneidemaschine der Familie Hertz

„Herr Ballhaus, wir brauchen die Maschine hier nicht mehr und mitnehmen dürfen wir sie auch nicht. Heben Sie sie für uns auf und falls wir wiederkommen, weiß ich, dass wir sie von Ihnen wiederbekommen!“

Mit diesen Worten verabschiedete sich Grete Hertz im Sommer 1942 von ihrem Nachbarn in der Fährstraße 6 in Petershagen. Der Schmied Carl Ballhaus war ein Freund der jüdischen Familie Hertz, ihm konnte man vertrauen. Schon knapp vier Jahre zuvor hatte er seine Solidarität unter Beweis gestellt, als er während der antijüdischen Aktionen im November 1938 mutig einschritt und den Brand löschte, der das Haus der Familie Hertz zu vernichten drohte.

Die alte Brotschneidemaschine
Bild: Gedenkstätte Alte Synagoge Petershagen

„… und falls wir wiederkommen.“

Und nun, am 30. Juli 1942, einem Donnerstagabend, brachte Grete Hertz die Brotschneidemaschine, nachdem sie ihren ganzen Haushalt hatte auflösen müssen: Am nächsten Tag sollten sie, ihr Mann Viktor Hertz und ihre Kinder, die Zwillinge Hanni und Siegbert, von Münster aus nach Theresienstadt deportiert werden. Schon ein halbes Jahr zuvor, am Silvesterabend 1941, war der Sohn Erich nach Riga verschleppt worden.

„… und falls wir wiederkommen.“ Ob Grete Hertz wirklich daran glaubte, wieder nach Petershagen zurückzukommen? Sicher ist, dass Grete Hertz mit ihrer Familie über zwei Jahre lang im Ghetto Theresienstadt lebte, bevor sie alle zusammen am 6. Oktober 1944 in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert und dort vermutlich sofort ermordet wurden.

Aber die Brotschneidemaschine gibt es immer noch, und dafür sorgte der Schmied Carl Ballhaus. Er verwahrte sie getreulich und vererbte sie an seinen Sohn Karlheinz Ballhaus. Der wiederum gab sie seiner Tochter Anette Ballhaus, die im Jahr 2009 in Oldenburg verstarb. Nun sorgten ihr Lebensgefährte Helmut Ollmetzer und ihre Freunde Dieter Schmidt und Ursula Busse dafür, dass das Erinnerungsstück der Familie Hertz erhalten blieb und nicht auf dem Müll landete – was leicht hätte geschehen können!

Die Gedenkstätte

Aufmerksam und umsichtig organisierten sie gemeinsam mit Bernhard Brey die Übergabe der Brotschneidemaschine an die jüdische Schule in Petershagen. Helmut Ollmetzer wies dabei darauf hin, dass Carl Ballhaus ein Beispiel und Vorbild für mutiges und solidarisches Handeln gewesen sei und dass es eben auch solche aufrechten Menschen in Petershagen gegeben habe. Und er ergänzte: „Möge dieser Gegenstand für nachfolgende Generationen Mahnung und Verpflichtung sein, dass solche Verbrechen an unseren Mitbürgern in Deutschland nie wieder möglich sein werden.“

Heute ist die Brotschneidemaschine ein ganz wichtiges Stück in der Ausstellung der Alten Synagoge Petershagen, weil sie eine Geschichte von Nachbarschaft, von Vertrauen und von der Kraft der Erinnerung erzählen kann.

Zur Internetseite der Gedenkstätte Alte Synagoge Petershagen

Die ganze Geschichte der Gedenkstätte


Impressionen vom Gedenkstättenbesuch

Klaus Kaiser zu Gast in der Alten Synagoge Petershagen
Klaus Kaiser zu Gast in der Gedenkstätte Zellentrakt Herford
Klaus Kaiser zu Gast in der Alten Synagoge Petershagen

 

Gedenkstätte Zellentrakt Herford, Gedenkstättenbesuch Klaus Kaiser: 15. März 2019

Einritzungen im Keller des Rathauses

Was anderswo als Sachbeschädigung gilt, ist im Keller des Herforder Rathauses eine bedrückende Spur in die Vergangenheit: In eine der Holztüren des früheren Polizeigefängnisses hat jemand voller Hoffnung den Satz geritzt: „Es geht alles vorüber.“ Ursprünglich hatte das 1917 in Betrieb genommene Polizeigefängnis aus zehn Zellen von je neun bis zwölf Quadratmetern bestanden. Eine diente später als Toilette, eine als Waschraum, eine als Verhörzelle. Die anderen blieben bis 1964 Hafträume.

Bild von Einritzungen im Keller der Gedenkstätte
Bild: Gedenkstätte Zellentrakt Herford

Verschleppt aus Donezk nach Herford

Das Gefängnis war für die Abbüßung kleinerer Vergehen und die Unterbringung von Untersuchungshäftlingen gedacht. Dieser Zweck änderte sich nach 1933. Nun konnte auch die Gestapo, die Politische Polizei der Nationalsozialisten, Menschen einweisen. Das waren von Anfang an Gegner des neuen Regimes: Sozialdemokraten, Kommunisten, Gewerkschafter. Nach dem Beginn des Krieges 1939 mit dem Überfall auf Polen, vor allem nach dem Einmarsch der Wehrmacht in die Sowjetunion 1941, verhaftete die Gestapo auch ausländische Zwangsarbeiter. Sie galten der deutschen Führung als „Untermenschen“ und besaßen keine Rechte. Schon wegen geringfügiger Verstöße konnten sie in Haft genommen werden.

So zum Beispiel auch Agnesa Apasanenko, geboren 1925 in Mariupol (Shdanow), einer ukrainischen Stadt im Donezk. Anfang 1942 verschleppten die Deutschen die Siebzehnjährige aus ihrer Heimat nach Herford zum Arbeitseinsatz. Auch sie hinterließ – in der Tür ihrer Zelle Nummer Zwei – in kyrillischer Schrift ein sprechendes Dokument ihrer Haft: „Agnesa Apasanenko aus Mariupolja saß in dieser Kammer 15 Tage lang. Kam an im Jahr 19.3.1945. Seit meinem Aufenthalt in Deutschland saß ich in dieser Kammer 2-mal.“

Im Oktober 1942 verließ Agnesa Apasanenko ohne Erlaubnis ihre Arbeitsstelle bei der Firma Rottmann in Herford, um ihren Bruder in Bad Meinberg zu besuchen. Das wurde ihr zum Verhängnis. Nach der Haft kehrte sie zu ihrem Arbeitgeber zurück und wurde im April/Mai 1945 in die Sowjetunion zurücktransportiert.

Spuren von Leid und Hoffnung

Als die Polizeibeamten und Aufseher erkannten, dass der Krieg nicht zu gewinnen war, begannen sie mit der systematischen Vernichtung von Akten, die sie belasten könnten. Obwohl viele Quellen fehlen ist es Mitarbeitenden der Herforder Gedenk-stätte in akribischer Forschungsarbeit anhand erhaltener Akten und im Gespräch mit Zeitzeugen gelungen, einige Fakten zu recherchieren: Die Haft konnte bis zu sechs Monaten dauern, aber in der Regel handelte es sich nur um wenige Tage. Die spärlich ausgestatteten Zellen waren meistens mit zwei bis vier, zuweilen aber auch mit sechs Personen belegt.
Und es ist gelungen, die Identität der meisten Opfer zu klären, die hier gefangen und der Willkür der Gestapo und Kriminalpolizei ausgeliefert waren: politische Gegner des Regimes, Juden, die „Ernsten Bibelforscher“ (heute: Zeugen Jehovas), homosexuelle Männer, sogenannte „Asoziale“. Für sie alle waren die Zellen ein Ort der Ungewissheit und Angst, des Hungers, der Folter und Schmerzen, für manche eine Station auf dem Weg in ein Konzentrationslager. Oder sogar zum Todesurteil vor Gericht. Ob sich die Hoffnung, dass „alles vorübergeht“, bewahrheitete, ist nicht bekannt.

Agnesa Apasanenko hat überlegt: 1994 besuchte sie gemeinsam mit weiteren 21 früheren Zwangsarbeiterinnen aus Mariupol auf Einladung der Stadt Herford den Ort ihrer Polizeihaft, aber damals waren ihre Spuren im Zellentrakt noch nicht entdeckt. Heute sind die Einritzungen in den Türen des Herforder Zellentrakts erschütternde physische Spuren des Leidens. Sie dokumentieren aber auch den unbedingten Willen zum Leben und die Hoffnung der Opfer und sind damit ein bedeutendes Vermächtnis an die Nachgeborenen.

Zur Internetseite der Gedenkstätte Zellentrakt Herford

Die ganze Geschichte der Gedenkstätte


Impressionen vom Gedenkstättenbesuch

Klaus Kaiser zu Gast in der Alten Synagoge Petershagen
Klaus Kaiser zu Gast in der Gedenkstätte Zellentrakt Herford
Klaus Kaiser zu Gast in der Gedenkstätte Zellentrakt Herford

 

Frenkel-Haus, Dokumentations- und Begegnungsstätte, Lemgo, Gedenkstättenbesuch Klaus Kaiser: 8. März 2019

Schofar und zwei Löwen als einzige Überreste jüdischen Lebens

Ein besonderes Objekt in der Ausstellung des Frenkel-Hauses ist das alte Widderhorn, das „Schofar“. Die Töne, die der Schofarbläser damit produziert, sind überraschend laut und auch nicht immer wohlklingend, und es stellt sich die Frage nach dem Sinn dieses Rituals. Zum Einsatz kommt das Schofar am jüdischen Neujahrstag „Rosch ha-Schana“ (Kopf des Jahres) – nach jüdischem Kalender am 1. Tischri Ende September. Mit diesem Tag beginnt eine sehr ernst gestimmte Phase von zehn Tagen, in denen die Menschen sich um Versöhnung und Verständigung mit ihren Nächsten bemühen sollen. Ziel ist es, eine Versöhnung mit Gott zu anzustreben, und die wird erst erreicht, wenn alle zwischenmenschlichen Beziehungen geklärt, Streit beigelegt sowie alle Schulden und Verschuldungen beglichen sind. Erst dann, nach diesen zehn Tagen, wird sich entscheiden, wer in das Buch der Lebenden aufgenommen werden wird, und das ist am Versöhnungstag „Jom Kippur“ (Tag der Sühne). Auch jetzt wird wieder das Schofar geblasen. Der Schofarton ist also ein Weckruf, ein aufrüttelndes Signal, mit dem diese „Hohen Feiertage“ angekündigt und abgeschlossen werden.

Foto von der Schofar und den zwei Löwenstatuen im Frenkelhaus
Bild: Frenkel-Haus, Lemgo

Das Schofar ist zusammen mit zwei kleinen Löwenfiguren aus Metall das einzige, was aus der Lemgoer Synagoge erhalten geblieben ist. Der Löwe ist in der jüdischen Geschichte das Symbol des Stammes Juda – eines der Söhne Jakobs, und findet sich in Synagogen häufig als Schmuck auf Tora-Schränken, Tora-Vorhängen und Tora-Schilden.

Zur Ausstattung der Synagoge in Lemgo, die im Oktober 1883 eingeweiht wurde, gehörten ein Toraschrein, fünf Torarollen, zwei Sätze silberner Toraschmuck (also Kronen, Schilde und Zeiger), silberne Weinbecher und Leuchter, Toramäntel und -vorhänge aus Samt, ein Harmonium und vieles andere. Nach dem Pogrom im November 1938 war davon nichts mehr übrig – nur das Schofar und die beiden kleinen Löwen tauchten irgendwann wieder auf. Wer sie an sich genommen hatte, bleibt wohl für immer im Dunkeln.

Wiederentdeckung der Schofar

Szmuel Rubin/Raveh (1925-1987) entdeckte das Schofar und die kleinen Löwen in den frühen Nachkriegsjahren in Lemgo. Geboren und aufgewachsen in Demblin (Polen) wurde er 1944 als Zwangsarbeiter nach Deutschland verschleppt. Seine Familie wurde ermordet. Nach seiner Befreiung im April 1945 kam er in ein Lazarett für „Displaced Persons“ nach Lemgo. 1946 eröffnete er ein Geschäft, u.a. für Haushaltswaren und Küchengeräte und wurde auf die Objekte aus der zerstörten Synagoge aufmerksam.

In Lemgo lernte Szmuel Raveh/Rubin die Holocaust-Überlebende Karla Frenkel kennen. Beide heirateten und wanderten 1949 nach Israel aus. Das Schofar und die beiden Löwen nahmen sie mit.

Karla Raveh (1927-2017) war als Tochter der jüdischen Familie Frenkel in Lemgo geboren und aufgewachsen. Zusammen mit ihren Eltern, Geschwistern und ihren beiden Großmüttern wurde sie am 28. Juli 1942 vom Lemgoer Marktplatz aus in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Ihre Eltern und Geschwister wurden in Auschwitz ermordet. Nur sie und ihre Großmutter Helene Rosenberg überlebten den Holocaust.

Die Gedenkstätte

Nach ihrer Befreiung im Frühjahr 1945 kehrte sie nach Lemgo zurück. Seit 1949 lebte sie mit ihrem Mann in Israel. 1985 schrieb sie auf Anregung der Lemgoer Lehrerin Hanne Pohlmann ihre Biographie. Das Buch erschien 1986 unter dem Titel „Überleben. Der Leidensweg der jüdischen Familie Frenkel aus Lemgo“. Im Jahre 1988 wurde in ihrem elterlichen Haus die Gedenkstätte Frenkel-Haus eröffnet. Zur Eröffnung brachte Karla Raveh die Löwenfiguren und das Schofar wieder zurück nach Lemgo und übergab sie der Gedenkstätte – als die einzigen erhaltenen Zeugnisse der Einrichtung der Lemgoer Synagoge und als Mahnruf für die nachfolgenden Generationen.

Zur Internetseite der Gedenkstätte Frenkel-Haus

Die ganze Geschichte der Gedenkstätte


Impressionen vom Gedenkstättenbesuch

Klaus Kaiser zu Gast im Frenkelhaus in Lemgo
Klaus Kaiser zu Gast im Frenkelhaus in Lemgo
Klaus Kaiser zu Gast im Frenkelhaus in Lemgo

 

 

Gedenkstätte für die Bonner Opfer des Nationalsozialismus, Gedenkstättenbesuch Klaus Kaiser: 11. Januar 2019

Scherben der am 10. November 1938 zerstörten Bonner Synagoge

Kaum etwas findet sich in so vielen Museen auf der ganzen Welt wie Scherben. Unscheinbar, fast verloren stehen auch solche zehn Fragmente mit ihren kleinen Ornamenten im Foyer der Gedenkstätte Bonn. Doch diese kleinen Bruchstücke stammen nicht aus grauer Vorzeit, dem Altertum oder dem Mittelalter. Sie sind Zeugen der brutalen Taten aus der jüngeren deutschen Vergangenheit – vor Ort in Bonn. Zerschlagen, zerbrochen und verbrannt – bildhaft zeigen sie die Verbrechen der Nationalsozialisten, das Leiden der Verfolgten und das Schweigen der Mehrheit.

Bruchkanten, Reste von Mörtel, fehlende Kanten und dunkle Verfärbungen auf den Fragmenten beweisen, dass es sich im wahrsten Sinn des Wortes um Bruchstücke handelt. Sie gehörten in die Fassade der 1879 eröffneten Synagoge am Bonner Rheinufer. Wer heute die Dauerausstellung der Gedenkstätte für die Bonner Opfer des Nationalsozialismus besucht, kann auf einem alten Foto der Synagoge zwei dieser zehn Bruchstücke wiederfinden. Sie schlossen als Kapitellen die Säulen vorm Gebäude ab. Die anderen archäologischen Fundstücke gehörten zu Randbögen.

Zwei Scherben auf denen noch Ornamente zu erkennen sind
Bild: Gedenkstätte für die Bonner Opfer des Nationalsozialismus

Ihre feinen Verzierungen lassen erahnen, welche architektonische Genauigkeit und welche künstlerischen Details der königliche Bauinspektor Eduard Hermann Mertens (1823-1898) in den Neubau einbrachte. Typisch für die Zeit verband er orientalische Stilelemente mit der Grundform einer christlichen Basilika. Dazu erhielt der Bau kleine Türmchen, die fast wie die Minarette einer Moschee aussahen. Die Davidsterne auf den Kuppeln zeigten klar, dass es sich um eine Synagoge handelte. So nutzte die wachsende jüdische Gemeinde Bonns ihr Gotteshaus über mehrere Jahrzehnte und bebaute auch noch die Nachbargrundstücke.

Doch die Nationalsozialisten zündeten am Mittag des 10. November 1938 wie in vielen anderen deutschen Städten auch in Bonn die Synagoge an, nachdem die NSDAP-Führung in der Nacht zuvor zu Gewalt und Brandstiftung gegen Jüdinnen und Juden überall im Deutschen Reich aufgefordert hatte. Auch die anderen Synagogen im heutigen Bonner Stadtgebiet wurden abgebrannt, dazu dutzende Geschäfte und Wohnungen von Jüdinnen und Juden verwüstet.

Zwei gelegte Brände an einem Tag

Zuerst löschte die Feuerwehr den Brand in der Synagoge am Bonner Rheinufer noch. Doch dann befahl der Bonner Polizeidezernent und SA-Führer Peter Reinartz, nur noch die umliegenden Grundstücke zu schützen. Schlimmer noch zündete er mit tatkräftiger Hilfe von Bonner Bürgern die Synagoge ein zweites Mal an! Dieses Mal wurde sie vollständig zerstört. Schaulustige beobachteten den verheerenden Brand vom Rheinufer und von der nahen Rheinbrücke aus.

In den folgenden Monaten musste die jüdische Gemeinde den Abbruch ihres Gemeindehauses und ihrer Synagoge selbst bezahlen. Kurze Zeit später kaufte die Stadt Bonn das brachliegende Grundstück. Als der Krieg begann, kümmerte sich die Stadt um andere Dinge als die Neubebauung dieses Geländes.

Nach dem Krieg diente das ehemalige Synagogengrundstück viele Jahre als Parkplatz. Als dort ein neues Hotel gebaut werden sollte, nutzte 1987 das LVR-Amt für Bodendenkmalpflege im Rheinland die Chance zu archäologischen Ausgrabungen. Tatsächlich konnten sie Fundamente der Synagoge freilegen. Außerdem fanden sie jene zehn Bruchstücke aus der Fassade.

Ein Mahnmal aus den Steinen des Fundaments

Nur ein Teil der östlichen Begrenzungsmauer blieb später am Originalstandort stehen. Aus den Steinen des Fundamentes baute die Stadt 1988 ein Mahnmal am Moses-Heß-Ufer, an dem die jährlichen Gedenkveranstaltungen zum Jahrestag des Novemberpogroms stattfinden. Der Rest einer Säule konnte 1990 neben der neuen Bonner Synagoge in der Tempelstraße aufgestellt werden. Und die zehn kleinen Fragmente gingen in die Gedenkstätte für die Bonner Opfer des Nationalsozialismus, für die die Bruchstücke eine besondere Bedeutung haben.

Denn sie sind nicht nur Teil der Erinnerung an die Zerstörung der Synagoge, sie verweisen auch auf die Entstehungsgeschichte der Gedenkstätte. Bevor die Ausgrabungen Mitte der 1980er Jahre beschlossen wurden, stritten unterschiedliche Gruppen der Bonner Stadtgesellschaft: Kann an diesem Ort der ehemaligen Synagoge überhaupt ein Hotel neugebaut werden oder sollte dort eine Gedenkstätte für die NS-Opfer entstehen? In der Folge dieser Diskussion gründeten engagierte Bürgerinnen und Bürger 1984 einen Verein, der die Gedenkstätte Bonn bis heute trägt.

Die Gedenkstätte

Seit 1996 erzählt die Gedenkstätte mit ihrer Dauerausstellung die Geschichte von Bonnerinnen und Bonnern, die im Nationalsozialismus ausgegrenzt und verfolgt wurden. Die Suche nach einem Standort mit geschichtlichen Bezügen hingegen ist auch nach über 30 Jahren bis heute nicht abgeschlossen. Auf dem Grundstück der ehemaligen Synagoge am Rheinufer steht das Hotel. Die Ausstellung ist in der Franziskanerstraße 9 in einem Flügel des seit 2010 vollständig geschlossenen Viktoriabades zu sehen.

Dort erforscht und dokumentiert die Gedenkstätte die Geschichte Bonns zur Zeit des Nationalsozialismus. Dazu bietet sie Führungen, Workshops, Vorträge und Sonderausstellungen sowie Rundgänge durch die Stadt an. Im Archiv der Gedenkstätte gibt es Briefwechsel, Tagebücher, persönliche Zeugnisse oder Interviews mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, historische Fotos aus Bonn und Umgebung, private Fotoalben und andere Dokumente. Die Präsenzbibliothek im Erdgeschoss besitzt lokal- und regionalgeschichtliche Literatur zu Bonn und dem Rheinland im Nationalsozialismus. Arbeitsplätze lassen sich nach vorheriger Anmeldung nutzen.

Zur Internetseite der Gedenkstätte für die Bonner Opfer des Nationalsozialismus

Villa Merländer Krefeld, Gedenkstättenbesuch Klaus Kaiser: 19. Dezember 2018

Ein Sommerkleid mit „Judenstern“

„Kleider machen Leute“, sagt ein altes Sprichwort. Kleidung prägt erste Eindrücke und kann Auskunft geben über gesellschaftliche Stellung, kulturelle Zugehörigkeit oder ganz einfach über Vorlieben beispielsweise für Farben. Dass Menschen mit ihrer Kleidung nicht nur Gruppen zugehören, sondern auch aus ihnen ausgeschlossen werden können, haben die Nationalsozialisten brutal ausgenutzt: Kaum ein Symbol ist so stark mit der Verfolgung der europäischen Juden verbunden wie der gelbe sechszackige Stern, den auch die Krefelderin Lore Gabelin auf ihrer Kleidung tragen musste.

Ein schönes blaues Sommerkleid wie dieses war bei jungen Frauen in den 1930er und 1940er Jahren modern. Darin unterschied sich Lore nicht von den jungen Frauen der Krefelder Stadtgesellschaft. Doch schon kurz nach der Machtübernahme 1933 musste sie als elfjähriges Mädchen lernen, dass sie, ihre kleine Schwester und ihre Eltern aus Sicht der Nationalsozialisten genau aus dieser Stadtgesellschaft ausgeschlossen werden sollten. Ihre Mutter Else war Jüdin.

Lores Vater Friedrich Müller stammte aus einer katholischen Familie und war Inhaber eines Elektrogeschäfts. Nach der Machtübernahme drohte ihm das wirtschaftliche Aus, weil von der NSDAP und der Gestapo Druck auf ihn ausgeübt wurde. Sie verlangten von ihm, sich von seiner jüdischen Frau scheiden zu lassen. Doch er weigerte sich, blieb bei seiner Familie und damit auch bei Lore. Das Mädchen wurde katholisch getauft, nahm aber auch am jüdischen Religionsunterricht teil.

Ein blaues Kleid, auf das ein gelber Davidsstern aufgenäht wurde
Bild: Villa Merländer Krefeld

Der gelbe Stern wird zur Pflicht

Die so genannten „Nürnberger Gesetze“ von 1935 stuften sie fortan als „Mischling ersten Grades“ ein. Als „Mischling“ musste sie den gelben Stern auf ihrer Kleidung zunächst noch nicht tragen, als er für alle Jüdinnen und Juden im Deutschen Reich 1941 zur Pflicht wurde. Die Aufschrift „Jude“ war so gestaltet, dass sie die hebräische Schrift ins Lächerliche zog. Die deutschen Besatzer hatten ihn schon im November 1939 für alle Juden in Polen zur Pflicht gemacht. Eine solche Form der Diskriminierung hatte es in der Moderne bis dahin nicht gegeben, obschon im Mittelalter Juden in ganz Europa gezwungen worden waren, Kleidungsstücke als Erkennungsmerkmale zu tragen.

Nach den ersten Deportationen vom Niederrhein wurde auch für die so genannten „Mischlinge“ die Lage immer bedrohlicher. Ab 1943 mussten auch sie das Ausgrenzungszeichen sichtbar und fest angenäht auf ihrer Kleidung tragen.

Lore selbst heiratete 1942 den ebenfalls aus einer katholisch-jüdischen Ehe stammenden Werner Gabelin. Auch er galt als „Mischling 1. Grades“. Am 17. September 1944 wurden schließlich auch die noch in Krefeld lebenden „Halbjuden“ oder mit „Ariern“ verheirateten Juden von der Polizei festgenommen und zu einem Sammelplatz gebracht.

Deportation ins Lager Theresienstadt

Lore, ihr Mann, ihre Mutter und die Schwester Ilse wurde zusammen mit anderen zum Schlachthof Düsseldorf transportiert. Das junge Ehepaar hatte zu dem Zeitpunkt bereits einen kleinen Sohn, den sie erst bei Nachbarn, später bei katholischen Verwandten unterbringen konnten – er entging damit der Deportation. Frauen und Männer wurden getrennt. Ihre Mutter und ihre Schwester kamen in ein Arbeitslager der Organisation Todt. Sie hingegen, die damals im 6. Monat schwanger war, wurde aus ungeklärten Gründen der Männergruppe zugeordnet. Über Umwege kam sie nach mehreren Wochen ins Lager Theresienstadt.

Ihr zweiter Sohn Thomas kam dort zur Welt und überlebte wie durch ein Wunder. Auch Lores Schwester, ihr Mann und ihr erstgeborener Sohn konnten überleben. Insgesamt aber kamen 65 Verwandte der Familien Müller und Gabelin im Holocaust ums Leben. Lore Gabelins Mutter verstarb an Typhus, woran sie sich ansteckte, als sie sich unmittelbar nach ihrer Befreiung in Theresienstadt um kranke Häftlinge kümmerte. Nach der Befreiung hatte sie sich freiwillig dafür gemeldet, sich um diejenigen in Theresienstadt zu kümmern, die zu krank waren, um das Lager zu verlassen.

Lore Gabelin und ihr Mann kehrten mit Kindern nach Krefeld zurück. Lore wurde Mitglied der neu gegründeten jüdischen Gemeinde und war am Aufbau einer NS-Gedenkstätte in Krefeld beteiligt. Sie stiftete zahlreiche persönlichen Gegenständen für die Dauerausstellung „Krefeld und der Nationalsozialismus“ in der NS-Dokumentationsstelle der Stadt Krefeld in der Villa Merländer. Besucherinnen und Besucher der Gedenkstätte können dort die deutsch-jüdische Geschichte der Großstadt am Niederrhein erkunden.

Die Gedenkstätte

In der Villa Merländer finden heute Lesungen, Vorträge oder auch Konzerte statt, die an die Krefelder NS-Verfolgten erinnern. Die pädagogische Arbeit bildet einen weiteren Schwerpunkt.

Die Ausstellung ist mittwochs von 9 bis 12 Uhr und an jedem vierten Sonntag im Monat von 14 bis 17 Uhr geöffnet. Führungen und andere Veranstaltungen können nach Vereinbarung gebucht werden.

Zur Internetseite der Villa Merländer


Impressionen vom Gedenkstättenbesuch

Klaus Kaiser besucht die Villa Merländer in Krefeld
Klaus Kaiser besucht die Villa Merländer in Krefeld
Klaus Kaiser besucht die Villa Merländer in Krefeld

 

Dokumentationsstätte "Gelsenkirchen im Nationalsozialismus", Gedenkstättenbesuch Klaus Kaiser: 21. November 2018

Propaganda auf 20 Quadratmetern

„Ein Volk - Ein Reich - Ein Führer“. In roten und schwarzen Buchstaben strahlte den Funktionären und Besuchern der NSDAP-Ortsgruppe Buer-Erle mehr als vier Meter hoch und fünf Meter breit entgegen, was die Nationalsozialisten schon lange vor ihrer Machtübernahme 1933 forderten. Auffälliger hätte das NSDAP-Parteiprogramm von 1920 an den Wänden einer ehemaligen Parteidienststelle in Gelsenkirchen kaum angebracht worden sein.

Vermutlich um 1937 ließ der damalige Ortsgruppenleiter Franz Switala die Wandinschrift in dem Gebäude an der Cranger Straße in Gelsenkirchen anbringen. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Nationalsozialisten auch in der lange sozialdemokratisch und kommunistisch geprägten Industriestadt im Ruhrgebiet ihre Macht mit Gewalt gegen Andersdenkende und Anreizen für die „Volksgenossen“ gesichert.

Und dennoch galt es auch 1937 noch, regelmäßig die Allgegenwärtigkeit und Bedeutung der Partei unter Führung Hitlers vor Augen zu führen. Dieses 25-Punkte-Programm war voll von völkischen Wahnvorstellungen: Es lehnte den Kapitalismus als Weltverschwörung ab, schürte aber vor allem nationalistische und rassistische Vorurteile gegenüber Menschen, die anders dachten, einer anderen Religion angehörten oder eine andere Herkunft hatten. In diesem Parteiprogramm 1920 schon zu erahnen, was während des Zweiten Weltkriegs grausame Wirklichkeit wurde: Die Vorstellung der Nationalsozialisten, durch millionenfachen Mord an Juden eine andere Gesellschaft zu formen.

Foto der Wandinschrift in der Dokumentationsstätte
Bild: Dokumentationsstätte "Gelsenkirchen im Nationalsozialismus

Nach den Wahlen zog die NSDAP am 6. April 1933 ins Rathaus Buer ein. Kurz darauf entließen die Nationalsozialisten ab März 1933 politisch missliebige Beamte oder zerstörten systematisch demokratische Organisationen. Besonders hart war auch in Gelsenkirchen die jüdische Bevölkerung von Diffamierungen, Ausgrenzung und Gewalt betroffen. Mit den Transporten in die Konzentrationslager und Ghettos wurden 1942 allein aus Gelsenkirchen etwa 660 Jüdinnen und Juden deportiert. Nur wenige überlebten. Während des Zweiten Weltkriegs war Gelsenkirchen wichtiger Standort der Rüstungsindustrie. In den Werken mussten tausende Kriegsgefangene Zwangsarbeit leisten. Der Rückzug in Luftschutzbunker war für sie verboten. Viele überlebten die Luftangriffe nicht.

Das Gebäude an der Cranger Straße überstand den Krieg ohne große Schäden. Es war 1907 als Polizeirevier für die Gemeinde Buer errichtet worden und wurde nach der Machtübernahme 1933 von der NSDAP Ortsgruppenleitung Buer-Erle genutzt. Die Wandinschrift hatte hier eine doppelte Funktion. Wer sich in der Dienststelle aufhielt, sollte so die Ziele der NSDAP verinnerlichen. Daneben sollte sie ganz einfach den Arbeitsplatz dekorieren. Die Aussage eines Parteimitgliedes, ihm hätte die Wandinschrift so viel Freude bereitet, dass er die Dienststelle am liebsten gar nicht mehr verlassen hätte, ist sicherlich übertrieben. Und doch geht aus einem Artikel über die Ortsgruppe Buer-Erle in der „National-Zeitung“ von 1938 hervor, dass sich Ortsgruppenleiter Switala auf die tatkräftige Unterstützung seiner Mitglieder verlassen konnte, um die 25 Punkte an die Wand zu bringen.

Die Gedenkstätte

Nach dem Ende der NS-Herrschaft 1945 nutzten unterschiedliche Institutionen das Gebäude. Die Wandinschrift war nach Kriegsende schnell verputzt worden und blieb darunter bis zu ihrer Wiederentdeckung bei Renovierungsarbeiten 1986 weitgehend erhalten. Mit Engagement aus der Stadtgesellschaft und -politik wurde die Inschrift 1989 unter Denkmalschutz gestellt und mit Zuschüssen des Landes NRW konnte die Dokumentationsstätte „Gelsenkirchen im Nationalsozialismus“ in der Folgezeit entwickelt werden. 1994 eröffnete das Institut für Stadtgeschichte in den Räumen an der Cranger Straße eine erste Dauerausstellung.

Digital und medial ansprechend gestaltet, zeigt die im Jahr 2015 völlig überarbeitete Dauerausstellung, wie die nationalsozialistische Herrschaft funktionierte: Durch die Integration von „Volksgenossen“ und die systematische Ausgrenzung von „Gemeinschaftsfremden“. Ausgewählte Gelsenkirchener Lebenswege geben Besucherinnen und Besuchern Einblicke in Einzelschicksale von Verfolgten, die den Biographien der Täter gegenüber gestellt sind und so die reale Praxis des NS-Regimes in Gelsenkirchen multiperspektivisch beleuchten.

Die Dokumentationsstätte gehört zum Institut für Stadtgeschichte Gelsenkirchen. Zu den Angeboten und Tätigkeiten gehören pädagogische Konzepte für spezifische Besuchergruppen, Veranstaltungen und Vorträge.

Zur Internetseite der Dokumentationsstätte "Gelsenkirchen im Nationalsozialismus"


Impressionen vom Gedenkstättenbesuch

Klaus Kaiser zu Gast in der Gedenkstätte in Gelsenkrichen
Alte Synagoge Wuppertal, Gedenkstättenbesuch Klaus Kaiser: 7. November 2018

Ein zerbrochenes Milchkännchen

Das Milchkännchen aus weißem Porzellan wird keinen Kaffeetisch mehr zieren: Es ist zerbrochen. Warum hat sein Eigentümer die Scherben nicht in den Müll geworfen, sondern, ganz im Gegenteil, sorgsam aufbewahrt?

Der Stempel auf dem Boden des Kännchens gibt Aufschluss: „KPM“ ist dort zu lesen, und das war das Zeichen der „Königlichen Porzellan Manufactur“ in Berlin. Das Kännchen ist ein Stück „Judenporzellan“.

Es stammt aus dem Besitz der jüdischen Familie Treistmann aus Lublin in Polen. Moritz Treistmann zog Anfang des 20. Jahrhunderts nach Deutschland, heiratete eine junge Frau aus Meinerzhagen und ließ sich schließlich mit ihr und drei Töchtern im Wuppertal nieder. Immer im Gepäck dabei: Das „Judenporzellan“.

Foto eines zerbrochenen weißen Milchkännchens
Bild: Alte Synagoge Wuppertal

Vermutlich mehr als 100 Jahre zuvor hatten Moritz Vorfahren das Kännchen vermutlich einem jüdischen Bekannten aus Preußen abgekauft, der Opfer einer der antijüdischen Gesetze dort geworden war. Im Jahr 1769 nämlich hatte der preußische König Friedrich II verfügt, dass die Juden in seinem Staat bei bestimmten Anlässen (z.B. vor Erteilung eines Schutzbriefes, also einer Art Aufenthaltsgenehmigung) eine große Menge seines Porzellans kaufen und im Ausland absetzen mussten. Ob man das Geschirr oder die Figuren, die auch massenhaft produziert wurden, gebrauchen konnte oder schön fand, stand dabei gar nicht zur Diskussion. Das war eine von vielen Schikanen des „aufgeklärten“ Königs, mit der er seine Abneigung gegen die Juden ausdrückte, Profit aus ihnen schlagen und sie zur Abwanderung nötigen wollte. Das Porzellan aus der königlichen Produktion war minderwertig, und als es sich in Europa verbreitete, nannte man es bald nur noch abschätzig „Judenporzellan“.
Erinnerung an die Großeltern

Stephen Grüneberg, der heute in London lebt, hat das Milchkännchen und auch noch eine wuchtige Kaffeekanne mit dem Zeichen „KPM“ zur Erinnerung an seine Großeltern aufbewahrt und im Jahr 2018 hat er das Milchkännchen der Begegnungsstätte Alte Synagoge geschenkt. Moritz Treistmann starb 1939 in Lublin an einer nicht behandelten Blutvergiftung, seine Frau Hedwig wurde 1941 im Vernichtungslager Majdanek ermordet.

Die Ausstellung in der Begegnungsstätte Alte Synagoge nimmt nicht nur die 12 Jahre der nationalsozialistischen Judenverfolgung in den Blick, sondern macht einen Längsschnitt durch die jüdische Geschichte der Region von den ersten vorhandenen Spuren bis in die Gegenwart. Deshalb sind auch Objekte wie dieses Milchkännchen so bedeutend, weil es auf die unsichere Lebenswelt der Juden lange vor der Zeit des Nationalsozialismus verweist, zugleich aber auch bis in die Gegenwart.

Zur Internetseite der Begegnungsstätte Alte Synagoge Wuppertal


Impressionen vom Gedenkstättenbesuch

Klaus Kaiser besucht die Alte Synagoge Wuppertal
Klaus Kaiser besucht die Alte Synagoge Wuppertal
Klaus Kaiser besucht die Alte Synagoge Wuppertal
Klaus Kaiser besucht die Alte Synagoge Wuppertal
Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf, Gedenkstättenbesuch Klaus Kaiser: 5. November 2018

Der Staffelstab

Aus Holz gefertigt und etwas ramponiert liegt er da: ein gewöhnlicher Staffelstab, wie man ihn aus der Leichtathletik kennt. Bei Gruppenwettkämpfen wird er von Läufer zu Läufer weitergegeben. Doch so unscheinbar das kleine Holzstück aus der Dauerausstellung der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf auch wirkt, es hat eine bewegende Reise hinter sich.

Im Gepäck eines Jugendlichen gelangte der Staffelstab im Februar 1939 von Düsseldorf nach England. Sein Besitzer Rudi Löwenstein war Jude. Mit einem Kindertransport floh er vor den Nationalsozialisten. Nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurde er als „feindlicher Ausländer“ interniert und nach Kanada in ein Gefangenenlager überführt. Erst im Mai 1942 kam Rudi Löwenstein frei. Er lebte bis zu seinem Tod 2004 in Kanada. Den Staffelstab behielt er. Schließlich erinnerte dieser ihn an drei gute Freunde aus Düsseldorf: Kurt Eckstein, Heinz Jokl und Werner Philipp.

Die vier Jugendlichen hatten eines gemeinsam: Als Juden wurden sie von den Nationalsozialisten diskriminiert und verfolgt. Der Sport bot ihnen die Möglichkeit, die ausgrenzenden Sprüche und beängstigenden Angriffe wenigstens für ein paar Stunden zu vergessen. Alle vier wurden Mitglied in der Sportabteilung des „Reichsbunds Jüdischer Frontsoldaten“. Bei einem Leichtathletik-Wettkampf in Köln am 19. Juni 1938 traten sie zum letzten Mal gemeinsam an. Anschließend setzte die Pogromnacht vom 9. November 1938 dem jüdischen Sportverein endgültig ein Ende.

Ein Holzstab.
Bild: Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf

Rudi Löwenstein war der erste der vier Jugendlichen, dem es gelang, das nationalsozialistische Deutschland zu verlassen. Sein Freund Kurt Eckstein versuchte 1939 ebenfalls nach England zu entkommen. Doch alle Versuche waren vergebens. Am 10. November 1941 wurde er genau wie sein Freund Heinz Jokl von den Nationalsozialisten nach Minsk deportiert. Im gleichen Deportationstransport befanden sich auch die Eltern und die ältere Schwester von Werner Philipp. Werner selbst konnte Deutschland hingegen noch rechtzeitig verlassen.

Werner Philipp und Rudi Löwenstein blieben in Kontakt. 1993 besuchten sie gemeinsam ihre frühere Heimatstadt. Den Staffelstab brachten sie mit und schenkten ihn der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf. Sie wollten verhindern, dass das Schicksal ihrer ermordeten Freunde in Vergessenheit gerät.

Die Gedenkstätte

Die Gedenkstätte erforscht und dokumentiert die Ereignisse in Düsseldorf in den Jahren von 1933 bis 1945. Neben der Suche nach Dokumenten und Fotos in Archiven steht hierbei vor allem der Kontakt zu Zeitzeugen, Überlebenden und deren Nachfahren im Vordergrund. Die Reise des kleinen Holzstücks ist hier zu Ende. Mit folgender Widmung hat der Staffelstab einen festen Platz in der Dauerausstellung „Düsseldorfer Kinder und Jugendliche 1933 bis 1945“ erhalten:

„In schmerzlich ehrendem Andenken an unsere von den Nazis ermordeten Staffelkameraden Kurt Eckstein (*2. Juli 1923 in Düsseldorf; gest. in Auschwitz) und Heinz Jokl (*28. Februar 1923 in Düsseldorf – gest. in Minsk) und an alle anderen Sportfreunde“

Internetseite der Mahn und Gedenkstätte Düsseldorf


Impressionen vom Gedenkstättenbesuch

Klaus Kaiser besucht die Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf
Klaus Kaiser besucht die Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf
Klaus Kaiser besucht die Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf

 

Lern und Gedenkort Jawne Köln, Gedenkstättenbesuch Klaus Kaiser: 21. September 2018

Jüdisches Leben lehren: Das einzige jüdische Gymnasium im Rheinland

„Seid starken Armes, ihr Brüder! Der Heimat / Boden zu hegen, ward euer Teil! Nicht sink‘ euer Mut! Nein, heiter und jubelnd / Kommt, Schulter an Schulter, dem Volke zum Heil!“

Keine Schülerin, kein Schüler hat das Reform-Realgymnasium Jawne in Köln verlassen, ohne das Gedicht „Birkat am“ des jüdischen Nationaldichters Chajim Nachman Bialik zu lernen. Noch heute kehren ehemalige Schüler mit diesen Worten unter die Kastanie zurück, die auf dem einstigen Schulhof wächst. Das Gebäude steht nicht mehr. Der langjährige Direktor der Schule, Dr. Erich Klibansky, wurde ermordet. Überlebt hat bei vielen jedoch, was die Jawne auch unter dem Verfolgungsdruck durch die NS-Herrschaft noch lehrte: Selbstbewusst die jüdische Identität zu leben und fester Teil des gesellschaftlichen Lebens zu sein.

1919 gründete die jüdische Gemeinde Adass Jeschurun in Köln die Jawne, die einzige weiterführende jüdische Schule im Rheinland. Klibansky war 28 Jahre alt, als er 1929 ihr neuer Direktor wurde. In seiner Einführungsrede umriss er seine Überzeugung, an der er bis zum gewaltsamen Ende der Schule festhalten sollte: „Es ist die Aufgabe der jüdischen Schule, harmonisch gebildete Persönlichkeiten zu erziehen, die befähigt sind, wertvolle Glieder des Staates und der menschlichen Gesellschaft überhaupt zu werden.“

Dieses Ideal stellte Klibansky nach 1933 vor große Herausforderungen. Ursprünglich wurde die Jawne vor allem durch Jungen und Mädchen besucht, deren Eltern eine stärkere religiöse Erziehung wünschten. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten jedoch kamen auch nicht-orthodoxe Schülerinnen und Schüler hinzu. Erich Klibansky bemühte sich, diese Kinder zu integrieren, ohne dabei den speziellen Charakter der Schule aufzugeben.

Jüdische Broschüre im Lern- und Gedenkort Jawne
Bild: Lern- und Gedenkort Jawne

Ein Schutzraum für jüdisches Leben

Mehr und mehr wurde die Jawne zum Schutzraum jüdischen Lebens in Köln. Auf den ersten Blick unterschied sich der Alltag kaum von dem anderer Schulen. Auf dem Hof spielten Kinder Fußball und tobten herum. Sie plauderten miteinander und aßen ihre Pausenbrote. Gleichzeitig bereitete Klibansky seine Schülerinnen und Schüler auf ein Leben außerhalb Deutschlands vor. Er förderte insbesondere den Unterricht in Sprachen wie Englisch, Französisch und modernem Hebräisch.

Nach dem Novemberpogrom 1938 gelang es Klibansky, 130 Kinder und Jugendliche nach England zu retten. Er selbst unterrichtete an der Jawne, bis die Nationalsozialisten die Schule am 30. Juni 1942 schlossen. Drei Wochen später wurde er zusammen mit seiner Familie und über 1.000 weiteren Frauen, Männern und Kindern nach Minsk deportiert und ermordet.

Der Lern- und Gedenkort Jawne hält diese Geschichte lebendig. Die Dauerausstellung „Die Kinder auf dem Schulhof nebenan“ macht den Alltag der ehemaligen Schülerinnen und Schüler greifbar. Schul- und Familienfotos, Zeugnisse, Poesiealben, Tagebücher und Interviews spiegeln die Zerrissenheit zwischen Terror und Alltag, zwischen Vernichtung und der Aufgabe der Heranwachsenden, eine eigene jüdische Identität zu entwickeln.

Unter den Ausstellungsstücken ist auch ein Buch mit handschriftlichen Notizen Erich Klibanskys. Mitglieder des Arbeitskreises „Lern- und Gedenkort Jawne“ fanden es zufällig in einem jüdischen Antiquariat. In der Publikation begründet Klibansky, warum ausgerechnet „Birkat Am“ für den Schulalltag so wichtig wurde. „Es gibt bedeutendere Gedichte von Chajim Nachman Bialik als seine ‚Birkat Am‘“, schreibt er. Aber kein anderes Gedicht Bialiks hatte besser auszudrücken vermocht, auf welches Fundament Klibansky die Absolventen der Jawne stellen wollte.

Ganze Geschichte der Gedenkstätte lesen

Internetseite des Lern- und Gedenkortes Jawne


Impressionen vom Gedenkstättenbesuch

Klaus Kaiser beim Gedenkstättenbesuch beim Lern- und Gedenkort Jawne Köln
Klaus Kaiser beim Gedenkstättenbesuch beim Lern- und Gedenkort Jawne Köln
Klaus Kaiser beim Gedenkstättenbesuch beim Lern- und Gedenkort Jawne Köln
Klaus Kaiser beim Gedenkstättenbesuch beim Lern- und Gedenkort Jawne Köln
 Klaus Kaiser beim Gedenkstättenbesuch beim Lern- und Gedenkort Jawne Köln
NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln, Gedenkstättenbesuch Klaus Kaiser: 21. September 2018

Wie ein Desinfektionshandapparat zum Machtmittel der Gestapo wurde 

Ob im Krankenhaus, in Behörden oder in Einrichtungen der Altenpflege: Fast jeder Mensch in Deutschland hat sich schon einmal die Hände unter einem Desinfektionsapparat eingesprüht. Wo Menschen gemeinsam den Alltag gestalten, soll Desinfektion normalerweise verhindern, dass sich Keime ausbreiten und der gemeinsame Alltag zusammenbricht.

Auch der im NS-Dokumentationszentrum in Köln ausgestellte Desinfektionshandapparat war ein alltäglich genutzter Gegenstand zur Verhinderung von Krankheiten. Allerdings ging es im ehemaligen Gestapo-Untersuchungsgefängnis am Appellhofplatz gerade nicht um menschliche Gemeinschaft. Hier hatte Desinfektion das Ziel, die Haftbedingungen zu verschärfen und die Anzahl der Häftlinge immer weiter vergrößern zu können, ohne die eigenen Beamten oder die Nachbarschaft zu gefährden.

Der Desinfektionsapparat im NS-Dokumentationszentrum Köln
NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln

Das Ziel der Gestapo: Die Häftlinge quälen, ohne Gefahr für die Nachbarschaft

Im Keller des als EL-DE-Haus bekannten Gebäudes waren zwischen 1935 und 1945 hunderte Menschen inhaftiert, darunter politische Gegner, Juden, Sinti, Roma und ab 1939 immer mehr Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter. Vor allem in der Endphase des Krieges waren die Haftbedingungen im EL-DE-Haus katastrophal. Auch in den Einzelzellen mit einer Größe von gerade fünf Quadratmetern waren 15 oder mehr Menschen gleichzeitig eingesperrt. Ihre Notdurft verrichteten sie in gemeinsam genutzte Eimer. Waschgelegenheiten gab es nur unregelmäßig.

Unter solchen Bedingungen herrscht eine enorme Seuchengefahr. Den Tod der Häftlinge hätte die Gestapo wohl billigend in Kauf genommen. Allerdings steht das EL-DE-Haus inmitten der Kölner Innenstadt. Eine Seuche hätte nicht nur auf die Polizeikräfte übergehen können, sondern auch auf die Nachbarschaft, die Stadt und das Umland übergreifen können. Also suchte die Gestapo einen Weg, die Seuchengefahr zu bannen, ohne die Überbelegung aufzugeben und die Bedingungen für die Gefangenen verbessern zu müssen.

Als eine Lösung dieses Dilemmas installierte die Gestapo 1943 eine Dusche zur Desinfektion. Den Handapparat setzte sie dafür ein, keimtötende Mittel in den Zellen zu versprühen, ohne die hygienischen Bedingungen wirklich zu verbessern. Der Apparat war damit Teil des wachsenden Terrors der Gestapo – und als solcher so unscheinbar, dass er beim Aufbau der Gedenkstätte fast übersehen worden wäre.

Folterwerkzeuge sind oft alltägliche Gegenstände – aber in gegenteiliger Funktion

Seit 1981 ist das ehemalige Gestapo-Gefängnis für Besucher zugänglich. Vor allem die unzähligen Inschriften an den Zellenwänden legen Zeugnis von Leben und Leiden der Häftlinge ab. Sie ritzten ihre Gedanken und Sorgen mit Nägeln in die Wand und verwendeten Kohle oder Lippenstift. Namen und Herkunft, Protest und Widerstandsgeist, Hoffnung und Sehnsucht, Haft- und Lebensbedingungen, Folter und Verhör, aber auch Abschiedsworte können die Besucherinnen und Besucher von den Wänden ablesen.

Doch erst 20 Jahre später stieß der Leiter der Gedenkstätte bei Umbauarbeiten auf ein etwa 50 Zentimeter großes, metallenes Gerät mit Druckluftventil, Messanzeige und der Markenaufschrift „Mentor“. Recherchen ergaben, dass es sich dabei um einen in den 1940er Jahren weit verbreiteten Desinfektionshandapparat handelte. Seine Bedeutung ergibt sich erst aus der Einordnung in den Kontext des Gefangenenalltags: In der Ausstellung des Kölner EL-DE-Hauses steht das Gerät als Beispiel dafür, dass die eigentliche Funktion alltäglicher Gegenstände in ihr Gegenteil verkehrt wurde.

Nach der Gründung des Dokumentationszentrums 1979 und der Einrichtung der Gedenkstätte im ehemaligen Gestapogefängnis, wurde eine Dauerausstellung entwickelt, Archiv, Sammlung und Bibliothek ausgebaut sowie eine pädagogische Abteilung aufgebaut. Mit fast 90.000 Besucherinnen und Besuchern jährlich ist das EL-DE-Haus heute die meist besuchte Gedenkstätte in Nordrhein-Westfalen. Aktuell wird daran gearbeitet, in den demnächst freiwerdenden oberen beiden Stockwerken des EL-DE-Hauses ein „Haus für Erinnerung und Demokratie“ aufzubauen.

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Internetseite des NS-Dokumentationszentrum


Impressionen vom Gedenkstättenbesuch

Klaus Kaiser beim Gedenkstättenbesuch im NS-Dokumentationszentrum Köln
Klaus Kaiser beim Gedenkstättenbesuch im NS-Dokumentationszentrum Köln
Klaus Kaiser beim Gedenkstättenbesuch im NS-Dokumentationszentrum Köln
 Klaus Kaiser beim Gedenkstättenbesuch im NS-Dokumentationszentrum Köln
Klaus Kaiser beim Gedenkstättenbesuch im NS-Dokumentationszentrum Köln

 

Villa ten Hompel, Gedenkstättenbesuch Klaus Kaiser: 13. September 2018

Das Ölgemälde von Anatol Herzfeld

Einen Meter hoch und 80 Zentimeter breit – so groß ist die Leinwand, auf der sich Anatol Herzfeld mit dem Mord an mehr als 30.000 Menschen auseinandersetzt. Auf der Rückseite des Ölgemäldes ist der Titel „Babij Jar im September 1941“ vermerkt. In der Schlucht von Babij Jar bei Kiew ermordeten sogenannte Einsatztruppen aus SS und Polizei rund 33.000 Jüdinnen und Juden. Das Kunstwerk zeigt einen Polizisten, der mit seiner Pistole einen Zivilisten hinrichtet. Im Hintergrund stehen drei Männer, an der grünen Farbe ihrer Uniform ebenfalls als Angehörige der Ordnungspolizei erkennbar.

Anatol Herzfeld beschäftigt sich mit der Rolle der Polizei in der NS-Zeit – und das ist kein Zufall. Der Künstler ist ein Mann mit einer ungewöhnlichen Biografie. Er arbeitete als Verkehrspolizist und war zugleich Meisterschüler von Joseph Beuys an der Kunstakademie Düsseldorf. Ein Besuch der Ausstellung „Transparenz und Schatten. Düsseldorfer Polizisten zwischen Demokratie und Diktatur“ inspirierte ihn 2008 zu dem Gemälde. Seit 2015 ist es Teil der Dauerausstellung „Geschichte – Gewalt – Gewissen“ in der Villa ten Hompel in Münster.

Das Gemälde von Anatol Herzfeld in der Villa ten Hompel
Bild: Villa ten Hompel

Die Gedenkstätte

Der Geschichtsort untersucht den Beitrag von Polizei und Verwaltung am Holocaust und anderen Verbrechen des NS-Regimes. Das gilt besonders für den Einsatz von Polizisten aus dem Rheinland und aus Westfalen hier in der Region und in allen Teilen des besetzten Europas. Die Forschung geht davon aus, dass 62 Prozent der Holocaustopfer indirekt oder direkt durch uniformierte Polizisten ermordet oder deportiert wurden. Für diese Auseinandersetzung ist die Villa ten Hompel ein besonders geeigneter Ort.

In der einstigen Fabrikantenvilla befand sich ab 1940 die Dienststelle des Befehlshabers der Ordnungspolizei im 6. Wehrkreis, der weitgehend identisch war mit dem Gebiet des heutigen Nordrhein-Westfalens. Nach Kriegsende mussten NS-Verfolgte in die Villa kommen, wenn sie eine Entschädigung für erlittenes Unrecht beantragen wollten. In den 1950er-Jahren war die Villa ten Hompel Sitz des Dezernats für Wiedergutmachung im Regierungsbezirk Münster.

Heute ist die Villa Gedenkstätte und hier hängt nun das Kunstwerk von Anatol Herzfeld, das sowohl den Tätern als auch den Opfern ein Gesicht gibt. Es hat seinen Platz am Ende der Dauerausstellung gefunden – und das aus besonderem Grund: Am Beispiel der Villa ten Hompel lässt sich bis auf die Ebene konkreter Personen nachvollziehen, wer wann, was und wie entschieden hat, welchen Handlungsspielraum die Beteiligten hatten und wie sie ihn im Einzelfall nutzten. Die Frage nach der Verantwortung eines jeden Einzelnen stellt das Bild am Ende in verdichteter Form.

Wirkt die dargestellte Szene auf den ersten Blick eindeutig, lässt sie tatsächlich viele Fragen offen: Kniet das Opfer oder steht es aufrecht einige Meter entfernt? Wie verhalten sich die drei Polizisten im Hintergrund? Einer von ihnen wendet sich offenbar ab. Ist er gelangweilt oder will er sich der Erschießung unauffällig entziehen? Die Interpretation liegt letztlich beim Betrachter und sie lässt ihn mit einer entscheidenden Frage zurück: Wie hätte ich mich in dieser Situation verhalten?

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Internetseite des Geschichtsortes Villa ten Hompel


Impressionen vom Gedenkstättenbesuch

Klaus Kaiser beim Gedenkstättenbesuch in der Villa ten Hompel
Klaus Kaiser beim Gedenkstättenbesuch in der Villa ten Hompel
Klaus Kaiser beim Gedenkstättenbesuch in der Villa ten Hompel
Humberghaus Dingden, Gedenkstättenbesuch Klaus Kaiser: 13. September 2018

Das Fluchtfahrrad von Ernst Humberg

Ein Fahrrad ist für die meisten Menschen ein alltägliches Fortbewegungsmittel – und das war es bis zum 9. November 1938 auch für Ernst Humberg, einen jüdischen Viehhändler aus Dingden in Westfalen. Er war mit seinem Fahrrad und der Kornernte zu einem befreundeten Bauern gefahren, hatte das Korn gedroschen, und als er damit fertig war, ließ er das Fahrrad eines platten Reifens wegen zurück. Die Reifenpanne sollte sein Leben retten.

Am Abend des 9. November 1938 brannten in Deutschland die Synagogen. Auf Anweisung führender Nationalsozialisten griffen SA-Gruppen jüdische Menschen und Einrichtungen an. Auch vor dem Haus von Ernst Humberg und seiner Familie versammelte sich die SA. Der hochschwangeren Hilde Humberg gelang es nicht, den Mob aufzuhalten. Aber ihr Protest zögerte das gewaltsame Eindringen hinaus. So konnte ihr Ehemann entkommen.

Ernst Humberg lief zu jenem Hof, wo sein Fahrrad stand. Dort erhielt er nicht nur Essen, Kleidung und Schuhe, sondern auch das Fahrrad zurück. Der Freund hatte den kaputten Reifen repariert. Auf dem Fahrrad floh Ernst Humberg in die Niederlande, wohin später auch Hilde mit der neugeborenen Tochter Ruth gelangte. Von dort aus emigrierte die Familie nach Kanada. Das Fahrrad nahm sie mit.

Das Fluchtfahrrad von Ernst Humberg im Humberghaus Dingden
Bild: Geschichtsort Humberghaus Dingden

Die Gedenkstätte

Das und vieles mehr aus dem Leben der Familie zeigt der Heimatverein Dingden e.V. im früheren Wohnhaus der Humbergs. Dieser Geschichtsort entstand aus einem Zufall: Der Heimatverein suchte nach geeigneten Räumen für seine umfangreichen heimatgeschichtlichen Sammlungen, als neben dem vereinseigenen Heimathaus eine Immobilie frei wurde. Es handelte sich um das Wohn- und Geschäftshaus der Familie Humberg.

Bei der Restaurierung kamen unerwartet zahlreiche Details der Hausgeschichte zum Vorschein. So ist neben Wandornamenten und Steinböden eine Privatmikwe erhalten, ein jüdisches Badebecken für rituelle Reinigungen. Daher gab der Verein seine ursprüngliche Absicht auf, die heimatgeschichtliche Ausstellung zu erweitern. Stattdessen wurden das Haus selbst, seine Geschichte und die seiner Bewohnerinnen und Bewohner zum Thema.

Am Beispiel der Familie Humberg lassen sich jüdisches Leben am Niederrhein und in Westfalen, ihre Stellung in der Dorfgesellschaft, die Zerstörung der Familie, die Verfolgung und Ermordung ihrer Mitglieder und der weitere Lebensweg der emigrierten Überlebenden und ihrer Nachkommen nachzeichnen. Zugang zu dieser Geschichte schaffen die Erinnerungen der Nachfahren und früherer Nachbarn – vor allem aber konkrete Alltagsgegenstände, die wieder ihren Platz im Humberghaus gefunden haben.

Dazu zählt auch das Fahrrad. Mehr als 70 Jahre nach der Flucht Ernst Humbergs fand es 2012 seinen Weg zurück nach Dingden. Ruth Humberg brachte es zur Eröffnung des Humberghauses mit. Dort erzählt es nun davon, wie aus einem alltäglichen Gegenstand ein Symbol werden kann: für Angst und Flucht, für Tod, Überleben und Neuanfang, aber auch für Freundschaft und Hilfe in der Nachbarschaft.

Von den sieben Geschwistern der Familie Humberg gelang nur dreien die Flucht und die Emigration nach Kanada: Ernst, seinem Bruder Siegmund und seiner Schwester Frieda. Die Geschwister Johanna, Wilhelm, Helene und Leopold wurden in den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten ermordet.

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Internetseite des Geschichtsortes Humberghaus


Impressionen vom Gedenkstättenbesuch

Klaus Kaiser beim Gedenkstättenbesuch im Humberghaus Dingden
Klaus Kaiser beim Gedenkstättenbesuch im Humberghaus Dingden
 Klaus Kaiser beim Gedenkstättenbesuch im Humberghaus Dingden
 Klaus Kaiser beim Gedenkstättenbesuch im Humberghaus Dingden

Erinnerungskultur stärken Interview mit Klaus Kaiser zur Gedenk- und Erinnerungsarbeit in Nordrhein-Westfalen

Der 8. Mai 1945 markierte in Deutschland das offizielle Ende des Zweiten Weltkriegs. Vor mehr als 70 Jahren endete also die Herrschaft der Nationalsozialisten. Warum gute Gedenkarbeit heute dennoch so aktuell ist wie eh und je und was Erinnerungskultur heute ausmacht, erzählt Klaus Kaiser, Parlamentarischer Staatssekretär für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen, im Interview.

Der Zweite Weltkrieg endete in Deutschland heute vor 73 Jahren offiziell. Warum ist die Gedenk- und Erinnerungsarbeit in Nordrhein-Westfalen dennoch nach wie vor aktuell?

Im vergangenen Monat wurden in Berlin zwei Kippa tragende Männer angegriffen, ein mittlerweile abgeschaffter Musikpreis wurde an zwei Musiker verliehen, die für zum Teil antisemitische und sexistische Texte bekannt sind, „Du Jude“ ist auf deutschen Schulhöfen als gängiges Schimpfwort zu hören. Während der Antisemitismus in Deutschland in den vergangenen Jahren rückläufig war, nimmt die Zahl der judenfeindlichen Taten laut Bundesinnenministerium aktuell wieder zu. Das zeigt mir: Wir müssen aufpassen, dass die Schrecken des Nationalsozialismus nicht in Vergessenheit geraten. Kaum ein Jugendlicher hat heute noch Großeltern, die diese Zeit bewusst miterlebt haben. Deswegen ist es auch unsere Aufgabe, über das damals Geschehene aufzuklären und eine wache Erinnerungskultur zu schaffen.

Natürlich gab es zudem, und zwar nicht nur in Hamburg oder Dresden, sondern auch hier in Nordrhein-Westfalen so einschneidende Ereignisse, dass es heute noch eines Erinnerungsortes bedarf. Dazu gehört beispielsweise die Zerstörung der Staumauer der Möhnetalsperre im Zweiten Weltkrieg, die sich in diesem Monat zum 75. Mal jährt. Hier starben unzählige Menschen – etliche blieben vermisst. Die Folgen waren im ganzen Ruhrtal zu sehen bis nach Witten, Essen oder Duisburg. In meiner Heimatstadt in Neheim starben mehr als 1.300 Menschen – darunter mindestens 500 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aus Osteuropa, die dort in einem Arbeitslager untergebracht waren und nicht mehr rechtzeitig fliehen konnten. In Neheim gibt es seit vielen Jahren einen Gedenkstein für alle Opfer, seit drei Jahren gibt es zudem auch eine würdige Gedenkstätte direkt unter der Staumauer.

Wie kann diese Erinnerungskultur aussehen und wie kann sie geschaffen werden?

Beim Gedenken gibt es kein Richtig und kein Falsch – jede Generation wird ihren eigenen Weg finden müssen. Für meine Generation gehört die Lichterkette Anfang der 1990er-Jahre gegen Fremdenfeindlichkeit und Rechtsradikalismus dazu, an der 1992 in München 400.000 Menschen teilgenommen haben. Heutzutage wird in sozialen Medien im großen Stil gegen Hass im Internet mobil gemacht. Damals wie heute geht es darum, im Wissen um die Vergangenheit ein gemeinsames Verständnis zu zeigen, dass wir nicht noch einmal in einem Land leben wollen, in dem Menschen angegriffen werden, nur weil einigen deren Weltanschauung, Glauben oder Herkunft nicht passt.

Und je mehr Zeit vergeht, desto wichtiger werden Orte und Dokumentationen. Die Gedenkstätten heute sollen dabei helfen, diesen Weg zu finden. Es geht bei der Erinnerungskultur um mehr als eine geschichtliche Aufklärung. Erinnerungsorte sollen Raum schaffen für Fragen und Debatten zu individueller Verantwortung und gesellschaftlichem Handeln. Eine gute Erinnerungsarbeit, wie wir sie in NRW bereits an vielen Stellen haben, fördert das Bewusstsein für Menschenrechte, Demokratie und Toleranz, ohne den Zeigefinger zu erheben.

Was planen Sie, um die angesprochene Erinnerungskultur wachzuhalten und das Gedenken zu beleben?

In Nordrhein-Westfalen gibt es 28 außerordentliche Gedenkstätten und Erinnerungsorte, die alle auf ihre Art dazu beitragen, dass das Grauen von Extremismus und Totalitarismus in unseren Köpfen präsent bleibt. Ich werde in den kommenden Monaten all diese Stätten besuchen. Nur vor Ort kann ich mit den Leuten, die oftmals ehrenamtlich dafür sorgen, unsere Erinnerungskultur zu beleben, sprechen, um herauszufinden, welche Unterstützung benötigt wird. Und ich möchte mit den Besucherinnen und Besuchern der Gedenkstätten und vor allem auch mit Menschen in der Nachbarschaft der Gedenkstätten ins Gespräch darüber kommen, was es bedeutet, eine Gesellschaft zu sein.