Portraitfoto von Isabel Pfeiffer-Poensgen, Prof. Dr. Marcus Baumann und Prof. Dr. Martin Sternberg

Gründung des Promotionskollegs NRW

Anlässlich der Gründung des Promotionskollegs NRW sprechen Ministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen, Prof. Marcus Baumann und Prof. Martin Sternberg im Interview über die Bedeutung des Promotionskollegs für den Wissenschafts- und Forschungsstandort Nordrhein-Westfalen.

Das neu gegründete Promotionskolleg NRW soll es den Hochschulen für Angewandte Wissenschaften in Nordrhein-Westfalen ermöglichen, Promotionsverfahren durchzuführen und den Doktorgrad für Studierende an Hochschulen für Angewandte Wissenschaften zu verleihen. Bevor dem Promotionskolleg das Promotionsrecht durch das Land verliehen werden kann, findet eine Begutachtung durch den Wissenschaftsrat statt. Dieser überprüft das Kolleg auf seine Eignung hin und ob eine wissenschaftliche Gleichwertigkeit zu den Promotionen an Universitäten besteht. Damit sollen die hohen qualitativen Ansprüche an die wissenschaftliche Qualität von Promotionen gesichert werden.

Kultur- und Wissenschaftsministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen (Bild Mitte), Prof. Dr. Marcus Baumann, Vorsitzender der Landesrektorenkonferenz der Hochschulen für Angewandte Wissenschaften (Bild rechts), und Prof. Dr. Martin Sternberg, Vorsitzender des Graduierteninstituts für angewandte Forschung der Fachhochschulen NRW (Bild links), sprechen im Interview über die Bedeutung des Promotionskollegs für die Hochschulen für Angewandte Wissenschaften im Land und für den Wissenschafts- und Forschungsstandort Nordrhein-Westfalen.

Frage: Was zeichnet Forschung und damit auch Promotionen im Fachhochschul-Zusammenhang besonders aus?

Ministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen: „Die besondere Stärke der Hochschulen für Angewandte Wissenschaften liegt in ihrer Anwendungsnähe und in ihrer Anbindung an die Wirtschaft, insbesondere auch zu mittelständischen Unternehmen. Die Hochschulen sind wichtige Ansprechpartner für die Wirtschaft, um innovative und anwendungsorientierte Ideen zu verwirklichen. Das neue Promotionskolleg bietet nun auch Absolventinnen und Absolventen dieser Hochschulen die Möglichkeit, eine wissenschaftliche Laufbahn einzuschlagen. Das ist unter anderem wichtig für den Nachwuchs in der Hochschullehre. Gleichzeitig spricht das neue Kolleg aber auch Promovierende an Universitäten an, die verstärkt anwendungsorientiert forschen möchten. Kurz gesagt: Das Promotionskolleg NRW trägt dazu bei, dass die Hochschulen für Angewandte Wissenschaften ihre besonderen Potenziale weiter entfalten können.“ 

Professor Marcus Baumann: „Im deutschen Wissenschaftssystem haben wir eine funktionierende Arbeitsteilung. An den Universitäten und den großen außeruniversitären Forschungseinrichtungen widmen sich exzellente Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Erforschung von Grundlagenwissen, sie entdecken Neues und legen somit den Grundstein für die Entwicklung von Innovationen. Ohne diese Grundlagenforschung käme das Neue nicht in die Welt. Forscherinnen und Forscher an Hochschulen für Angewandte Wissenschaften beschäftigen sich damit, wie dieses neu gewonnene Wissen praktisch zur Anwendung kommen kann. Bei uns entstehen, oftmals in Kooperation mit Partnerinnen und Partnern aus der Praxis, wie zum Beispiel Unternehmen, Applikationsideen. Beim Weg von der Erkenntnis über die Applikation zur Innovation ist unsere Stärke der zweite und dritte Schritt. Solch angewandte Forschung muss selbstverständlich auch nach den höchsten geltenden wissenschaftlichen Standards erfolgen. Es ist daher unabdingbar, dass auch in diesem Bereich Promotionen erfolgen und wissenschaftlicher Nachwuchs eine erstklassige wissenschaftliche Ausbildung erfährt.“

Professor Martin Sternberg: „Promotionsprojekte an Hochschulen für Angewandte Wissenschaften greifen besonders häufig wissenschaftliche Fragen auf, die von unmittelbarer Relevanz für die Gesellschaft sind. Sie können zum Beispiel aus dem Bereich der Technik, der sozialen Arbeit, dem Gesundheitssystem, dem Bausektor oder der Wirtschaft stammen. Weil ihre Professorinnen und Professoren Erfahrungen außerhalb des Hochschulsystems gesammelt haben, verfügen die Hochschulen für Angewandte Wissenschaften über einen hervorragenden Zugang zu Unternehmen und Organisationen, der für die Forschung genutzt wird. Manche der von Hochschulen für Angewandte Wissenschaften behandelten Forschungsfragen sind für Universitäten gar nicht so interessant, für Unternehmen und die Gesellschaft insgesamt aber sehr wichtig.“

Frage: Wie muss man sich die künftige Arbeit des Promotionskollegs konkret vorstellen?

Baumann: „Das Promotionskolleg gliedert sich in verschiedene thematische Fachgruppen, in denen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus vielen Hochschulen Nordrhein-Westfalens und darüber hinaus zusammenarbeiten. Sie sind der Ort, an dem Forschung im sich gegenseitig befruchtenden fachlichen Dialog stattfindet. Solch eine Fachcommunity ist für die Projekte von Promovendinnen und Promovenden ideal. Sie erleben Wissenschaft, so wie sie sein soll: Nicht im stillen Kämmerlein, sondern im stetigen fachlichen Austausch.“

Sternberg: „Das Promotionskolleg ist ein Netzwerkknoten. Professorinnen und Professoren der Hochschulen für Angewandte Wissenschaften sowie auch Kolleginnen und Kollegen von Universitäten treffen sich gemeinsam mit ihren Doktorandinnen und Doktoranden in den Abteilungen des Promotionskollegs, die Themenfeldern wie Soziales und Gesundheit, Medien und Interaktion oder Ressourcen und Nachhaltigkeit gewidmet sind. Das Promotionskolleg organisiert Kolloquien, Tagungen und Ringvorlesungen. Jede Doktorandin und jeder Doktorand durchläuft ein Programm mit verschiedenen Qualifizierungselementen, zu denen Publikationen in Zeitschriften und Vorträge bei Konferenzen gehören, Methodenworkshops und fachliche Vertiefungen, aber auch Vorbereitungen auf eine Berufstätigkeit innerhalb oder außerhalb des Wissenschaftssystems. Schließlich stellt das Promotionskolleg durch ein einheitliches strenges Qualitätssicherungssystem eine hohe Qualität der Dissertationen und der Promotionen insgesamt sicher.“

Frage: Was ist ausschlaggebend dafür gewesen, diesen Weg für das Promotionsgeschehen an Fachhochschulen einzuschlagen?

Sternberg: „Die Zusammenarbeit der Hochschulen für Angewandte Wissenschaften im Rahmen des Graduierteninstituts hat sich in den vergangenen vier Jahren sehr bewährt. Es fehlte aber der eigene Zugang zu Promotionen, da der Weg über kooperative Promotionen nicht immer möglich oder sinnvoll ist. Eine erfolgreiche Promovierendenausbildung setzt voraus, dass der wissenschaftliche Nachwuchs in eine vielfältige und lebendige Forschungsumgebung eingebettet ist, die ihn permanent fördert und fordert. Das schließt auch unterschiedliche wissenschaftliche Ansätze und Schulen mit ein. Für eine einzelne Hochschule ist das schwer zu realisieren. Das Kooperationsmodell des Promotionskollegs bietet da eine einzigartige Chance.“

Pfeiffer-Poensgen: „Aus der Landesperspektive heraus betrachtet ist der zentrale Gedanke, die anwendungsorientierte Forschung weiter zu vertiefen und zu stärken und Forscherinnen und Forscher an den Hochschulen noch stärker als bisher mit der Wirtschaft zu verknüpfen. Wie schon erwähnt, liegen gerade hier die besonderen Stärken der Hochschulen für Angewandte Wissenschaften. Darüber hinaus bieten wir jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern neue berufliche Perspektiven und stärken so den Forschungs- und Wissenschaftsstandort Nordrhein-Westfalen.“

Baumann: „Wir haben über viele Jahre eine Debatte über das Für und Wider eines Promotionsrechts für Hochschulen für Angewandte Wissenschaften erlebt. Die Argumente beider Seiten haben sich dabei kaum verändert. Sie werden auch heute noch ins Feld geführt. 2015 haben wir uns als Hochschulen für Angewandte Wissenschaften in Nordrhein-Westfalen mit Unterstützung des Landes auf den Weg gemacht, die bestehenden Möglichkeiten kooperativer Promotionen zwischen Universitäten und Hochschulen für Angewandte Wissenschaften auszubauen und mit einem eigenen Graduierteninstitut für angewandte Forschung der Hochschulen für Angewandte Wissenschaften auch institutionell zu unterstützen. Die Fachgruppen-Struktur, die nun auch das Promotionskolleg erhält, war bereits im Graduierteninstitut angelegt. Sie hat sich aus den oben beschriebenen Gründen bewährt. Zugleich hat sich auch im Graduierteninstitut gezeigt, dass die Verengung auf kooperative Promotionen als einzige Möglichkeit der Hochschulen für Angewandte Wissenschaften, aktiv am Promotionsgeschehen teilzunehmen, das Potenzial der Hochschulen für Angewandte Wissenschaften nicht vollumfänglich ausschöpft. Hinzu kommt der Umstand, dass wir an Hochschulen für Angewandte Wissenschaften Fächer etabliert haben, zu denen es auf Universitätsseite gar kein echtes Pendant gibt – denken Sie nur an die Soziale Arbeit oder die Pflegewissenschaften. Ein Promotionsrecht für das Promotionskolleg ist daher folgerichtig und wir freuen uns sehr, dass sich die Regierungsfraktionen im Landtag im engen Austausch mit uns weiter Gedanken darübergemacht haben, wie das Promotionsgeschehen an Hochschulen für Angewandte Wissenschaften weiter gestärkt werden kann. Die Gründung des Promotionskollegs ist jetzt die Chance, anwendungsorientierte Forschung und Innovationsentwicklung in Nordrhein-Westfalen nachhaltig zu stärken und zugleich ein Beitrag zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses.“ 

Frage: Was sind die nächsten Schritte auf dem Weg zum Promotionsrecht für das Promotionskolleg?

Pfeiffer-Poensgen: „Bevor dem Kolleg das Promotionsrecht durch das Land verliehen werden kann, findet eine Begutachtung durch den Wissenschaftsrat statt. Das finde ich wichtig und notwendig, denn der Wissenschaftsrat stellt fest, ob eine wissenschaftliche Gleichwertigkeit zu den Promotionen an Universitäten besteht. Damit sollen die hohen Ansprüche an die wissenschaftliche Qualität von Promotionen gesichert werden. Das liegt auch im Interesse der Hochschulen für Angewandte Wissenschaften, denn Promotionen am Promotionskolleg sollen am Ende die gleiche Akzeptanz finden, wie Promotionen an Universitäten. Parallel dazu müssen die notwendigen rechtlichen Voraussetzungen erfüllt werden, auch wenn das vielleicht etwas trocken klingt: Das Promotionskolleg muss sich eine Grundordnung, eine Prüfungsordnung und eine Mitgliedschaftsordnung geben. Zudem müssen Kooperationsvereinbarungen zwischen den jeweiligen Hochschulen für Angewandte Wissenschaften und dem Promotionskolleg geschlossen werden. Bei der Ausarbeitung dieser rechtlichen Detailregelungen unterstützen wir als Wissenschaftsministerium die Hochschulen und stehen dem Promotionskolleg – wie schon beim bisherigen Gründungsprozess – beratend und gestaltend zur Seite.“

Baumann: „Das Hochschulgesetz hat uns vorgegeben, dass nach Gründung des Promotionskollegs eine Begutachtung durch den Wissenschaftsrat erfolgen soll. Erst wenn diese abgeschlossen ist und positiv ausfällt, kann dem Promotionskolleg oder einzelnen seiner Fachbereiche das Promotionsrecht verliehen werden. Die Begutachtung steht in diesem Jahr an, wir hoffen auf einen Abschluss bis Ende 2021. Ich will ausdrücklich betonen, dass wir diesen Weg nicht als Schikane empfinden, sondern für absolut richtig halten. Es geht nach einer durchaus hitzigen Debatte auch darum, klar aufzuzeigen, dass die wissenschaftliche Arbeit, wie sie am Promotionskolleg geleistet wird, alle Standards der Wissenschaft vollumfänglich erfüllt. Wir machen keine Abstriche bei Anspruch und Qualität. Das ist auch vor dem Hintergrund der durch Skandale immer wieder in Verruf geratenen Promotion absolut richtig und im Interesse der Wissenschaft insgesamt. Promotionskolleg und Hochschulen für Angewandte Wissenschaften haben sich auch nicht zu verstecken, wenn es um wissenschaftliche Standards geht, sondern können selbstbewusst eine erstklassige Qualität vorweisen.“

Sternberg: „Zunächst werden die Fachgruppen des Graduierteninstituts NRW in Abteilungen des Promotionskollegs überführt und eine neue Selbstverwaltungsstruktur mit Abteilungsräten und einem Kollegsenat eingerichtet. Ganz wichtig ist auch die Besetzung und Arbeitsaufnahme des wissenschaftlichen Beirats. Parallel dazu bereiten wir die Begutachtung durch den Wissenschaftsrat vor. Dafür haben wir bereits im vergangenen Jahr mit großer Beteiligung vieler Professorinnen und Professoren, Doktorandinnen und Doktoranden, Hochschulleitungen und anderer Personen Entwürfe für Ordnungen und Prozesse entwickelt und beschlossen. Auch stellen wir für die Begutachtung umfangreiche Informationen zur Forschungsstärke unserer Mitglieder und der Hochschulen für Angewandte Wissenschaften zusammen. Klar ist, dass wir bis zur Verleihung eines Promotionsrechts nur mit sehr gebremstem Schaum arbeiten können, denn wir können keine Promovierenden in unsere Promotionsprogramme einschreiben.“ 

Frage: Ist das neue Promotionskolleg in NRW ein Modell, an dem sich auch andere Länder orientieren könnten?

Pfeiffer-Poensgen: „Das Promotionskolleg in Nordrhein-Westfalen ist durch seine Netzwerkstruktur einzigartig und baut maßgeblich auf den Kompetenzen der Hochschulen auf. Im Rahmen des Kollegs sollen 21 Hochschulen aus allen Regionen Nordrhein‐Westfalens in das Promotionsgeschehen eingebunden werden. Das Promotionskolleg wird sich an den nationalen und internationalen Qualitätsstandards zum Promotionsgeschehen orientieren. Hierzu zählen unter anderem die Form der Dissertation, also beispielsweise der Umfang, oder die Vorgaben bei der Begutachtung, die in der Regel von zwei Hochschulprofessoren oder habilitierten Hochschuldozenten abgegeben wird. Ich finde, dieses Modell ist ein eigener Ansatz und erfolgversprechend und kann daher durchaus eine Vorbildwirkung haben!“

Baumann: „In vielen Bundesländern ist etwas in Bewegung in puncto Promotionsgeschehen. Hochschulen für Angewandte Wissenschaften rücken mehr und mehr mit ihrer Forschung in den Fokus. Das ist gut so! Wir verfolgen mit Interesse, welche Wege andere Länder einschlagen, um das Promotionsgeschehen an Hochschulen für Angewandte Wissenschaften zu stärken. Und wir werden selbstbewusst für unser Modell werben, da wir es für einen guten, angemessenen und klugen Weg halten. Ich freue mich, wenn es nach erfolgreicher Begutachtung durch den Wissenschaftsrat dann ab Ende 2021 richtig losgehen kann mit Promotionen an unserem Promotionskolleg und ich bin mir sicher, dass das Interesse anderer Länder an unseren Erfahrungen und Erfolgen sehr groß sein wird. Die Wissenschaftslandschaft ist beständig in Bewegung. Das ist vollkommen richtig so, denn das macht Wissenschaft aus. Sie tritt nicht auf der Stelle, sondern entwickelt sich immerfort weiter. Eines baut auf dem anderen auf, um zu Innovationen zu gelangen.“

Sternberg: „Ganz sicher ist das Promotionskolleg ein sehr guter Weg zu Promotionen. Es bündelt die Stärken der Hochschulen für Angewandte Wissenschaften und kompensiert gewisse strukturelle Nachteile. Manche Hochschulen für Angewandte Wissenschaften mag das eigene Promotionsrecht vermissen. Letztlich ist im Föderalismus jedes Hochschulsystem seines eigenen Glückes Schmied. Essenziell für das Wissenschaftssystem insgesamt ist, ein einheitlich hohes wissenschaftliches Niveau mit einem Streben nach Spitzenleistungen und eine internationale Anschlussfähigkeit der Promotionen permanent sicherzustellen und weiterzuentwickeln. Das leistet das Promotionskolleg NRW.“